10. Geburtstag und Aus: Katapult Berlin feiert beides
Katapult Berlin
10. Geburtstag und Aus: Katapult Berlin feiert beides
Der letzte Abend sollte wie der erste sein: voller Energie für den Zirkus. So wollte es das Katapult in Berlin. Auch wenn statt Aufbruch nun Abbruch das bestimmende Gefühl der Arbeit ist. Bei der Feier des 10. Geburtstags des Katapults stand das Lächeln im Mittelpunkt; auf die Tränendrüse wurde nur ironisch gedrückt.
Zehn Jahre Katapult – und jetzt ist Schluss
Kaum war der Applaus verhallt, ertönten die ersten Bässe und die Geburtstagsparty begann umgehend. Vor der Tür des Katapults in Berlin-Oberschöneweide stand nach der Show plötzlich eine Pfanne so groß wie ein Autoreifen, gefüllt mit Krautkrapfen. An der Bar startete der Hochbetrieb. Zwei Abende lang, am 9. und 10. Oktober, wurde das zehnjährige Bestehen gefeiert. Doch über der Geburtstagsfeier lag das Wissen, dass im Dezember die Abschiedsparty folgen wird. Mit dem Katapult verliert die Szene dann einen Trainings- und Probenraum.
Ein Jahr Förderung ist keine Zukunftsplanung
"Eine langfristige Planung sei so nicht möglich, gibt das Katapult an."
Andrei Schnell für ZirkusPlus
Das Katapult-Team nennt finanzielle Gründe für das Aus: „Die anhaltend schwierige wirtschaftliche Lage hat es uns unmöglich gemacht, ohne erhebliches finanzielles Risiko weiterzumachen.“ Denn Förderungen des Berliner Senats würden oft nur für ein Jahr zugesagt. Eine langfristige Planung sei so nicht möglich, gibt das Katapult an. Zudem hat Berlin das Förderprogramm Kulturraum-Kontingente eingestellt, das die Miete für Proberäume für Künstler:innen deckelte. Mit dem Wegfall dieser Hilfe durch den Senat, ging die Nachfrage nach Übungs- und Trainingsräumen im Katapult zurück. Doch die Bereitstellung solcher Räume war ein wichtiges finanzielles Standbein.
Eine Werkstattbühne mit ganz eigenem Charme
"Im Katapult nahm das Publikum nicht vornehm an Tischchen Platz, um Rehrücken und Rotwein serviert zu bekommen."
Andrei Schnell für ZirkusPlus
Außerdem war das Katapult ein Gastgeber für Residenzen. Aus diesen entstanden in den letzten zehn Jahren über 50 Shows. Diese Anzahl zeigt, dass Katapult auch ein Spielort war. Dass die Zuschauer:innen bei Katapult zu Gast in einer Werkstatt waren, gehörte zu den Besonderheiten dieses Spielortes. Im Katapult nahm das Publikum nicht vornehm an Tischchen Platz, um Rehrücken und Rotwein serviert zu bekommen. In der umgebauten Lagerhalle saßen die Zuschauer:innen provisorisch auf Holzbrettern, die auf Bierkästen lagen.
Alles, außer Weinen: Wenn der Abschied zur Show wird
"Es gab einen Moment, der sich für Tränen geeignet hätte. Als verkündet wurde, dass die Geburtstagsfeier die letzte Gelegenheit für eine Revue sei, starteten die Gastgeber sofort eine Parodie auf übertriebene Rührseligkeit."
Andrei Schnell für ZirkusPlus
Diese besondere Werkstatt-Atmosphäre konnte bei der Geburtstagsfeier noch einmal erlebt werden. Die Show zum 10. Jahrestag fühlte sich an wie eine Lesebühne. Nur dass niemand Texte vorlas, sondern Akrobat:innen ihr Können zeigten. Gastgeber Juan Migama verkündete beim ersten Erscheinen unmissverständlich das Motto des Abends: Alles, außer Weinen. In wechselnden Kostümen, schrägen Rollen und mit schiefem Englisch streute er gemeinsam mit seinem Mitgastgeber zwischen den Nummern mehr als einen Hauch Humor ein. Es gab einen Moment, der sich für Tränen geeignet hätte. Als verkündet wurde, dass die Geburtstagsfeier die letzte Gelegenheit für eine Revue sei, starteten die Gastgeber sofort eine Parodie auf übertriebene Rührseligkeit.
Noch einmal alles geben
Humor war auch bei einigen Nummern des Abends eine entscheidende Zutat. Pantomimisch bewegte Philippe Ducasse die Gäste zur Interaktion und beendete seine Nummer, indem er einen Hula-Hoop-Reifen mit seinem Po kreisen ließ. Der Jongleur Luke Burrage erklärte seine nächste Aktion. Leider blieb sie unverständlich, da er gerade mit dem Mund einen Ring festhielt. Skurril war der Auftritt des seltsamen Geräuschewesens. Alex Lempert trat vollkommen verhüllt und als insektenhaftes, lebendiges Instrument auf. Ein Klangwandler verzerrte die Töne, die durch das Berühren von beweglichen Metallspießen erzeugt wurden. Amüsant war die Silent Shout Company. Mit betont ausdruckslosen Gesichtern saßen Liam Wilson und Rocio Pez Becerra in steifen Anzügen nebeneinander. Ohne Augenkontakt interagierten sie auf die Millisekunde genau, indem sie sich an einem Tisch Bälle zurollten. Eine Meisterleistung der Synchronisation und des Timings. Gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk traten am Ende der Show Loooop auf. Eine Agentur, die auf temporeiche LED-Shows spezialisiert ist.
Zwölf Tonnen Beton, aber kein sicherer Boden
Die Tore zum letzten Mal abschließen wird Katapult im Dezember. Am 5.12. gibt es eine Abschiedsfeier. Dann wird sicherlich daran erinnert, dass Katapult im Jahr 2016 in Marzahn in einer Lagerhalle gegründet wurde. Und dass 2018 der Umzug vom Rand Berlins an einen anderen Rand Berlins, in die Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide, folgte. Dort ließ Katapult nach eigenen Angaben 12 Tonnen Beton in die Lagerhalle gießen. Der war nötig, um dem Metallgestell für die Luftakrobatik (dem Aerial-Rig) stabilen Halt zu geben. Einen Halt, den die Katapult-Gründer Oliver Pinchbeck und Declan Mee, für ihr Haus der Akrobatik nicht finden konnten.
Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans (2023 – 2026) vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und vom Institut Ramon Llull (IRL) sowie dem Katalanischen Institut für Kulturunternehmen (Institut Català de les Empreses Culturals, ICEC) des katalanischen Kulturministeriums unterstützt. Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).