360 Grad Gefühl: Katalanischer Zirkus am Rhein
CircusDanceFestival Köln
360 Grad Gefühl: Katalanischer Zirkus am Rhein
Pfingstsonntag in Köln. Auf den Wiesen des Latibul-Zirkusgeländes am Rhein liegt die 360°-Open-Air-Bühne des CircusDanceFestival in der Sonne. Während einige Zuschauer:innen Schutz im Schatten der Bäume suchen, versammelt sich ein anderer Teil des Publikums direkt um die kreisrunde Spielfläche. Die Atmosphäre greift die im Zirkus vertraute Form auf: die Manege beziehungsweise das Zirkusrund. Zugleich verweist die runde Spielfläche auf den Kreis als eine der ursprünglichsten Formen des Zusammenkommens, in der Menschen einander begegnen und Geschichten teilen.
Die 360°-Open-Air-Bühne gehört seit der ersten Ausgabe zum Herzstück des Festivals. Hier präsentieren internationale Künstler:innen kurze Arbeiten zwischen Zirkus und Tanz, die eigens für die besondere Rundumsituation entwickelt wurden. Anders als klassische Zirkusnummern oder abendfüllende Stücke entfalten sie ihre Dramaturgie über 15 bis 20 Minuten. Einzige Voraussetzung ist, dass sie eben auf die 360 Grad konzipiert wurden.
In seiner mittlerweile sechsten Ausgabe ist das Festivalprogramm in verschiedene thematische Schwerpunkte unterteilt. Einer davon richtet den Fokus auf Katalonien. Im Rahmen einer aktuellen Kooperation zwischen Deutschland und Katalonien werden dabei Austauschprogramme ins Leben gerufen, neue Netzwerke geknüpft und langfristige künstlerische Partnerschaften ermöglicht.
In diesem Sinne steht der dritte und letzte Tag der 360°-Reihe ganz im Zeichen Kataloniens. Die gewählten Kurzstücke geben Einblicke in die Vielfalt des zeitgenössischen katalanischen Zirkus. Dabei zieht sich das Motiv des Körpers als Träger emotionaler Empfindungen wie ein roter Faden durch die verschiedenen Arbeiten und nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch die Welt geteilter Gefühle – von Intimität über Selbstermächtigung bis hin zu Liebeskummer.
"Im Rahmen einer aktuellen Kooperation zwischen Deutschland und Katalonien werden dabei Austauschprogramme ins Leben gerufen, neue Netzwerke geknüpft und langfristige künstlerische Partnerschaften ermöglicht."
ZirkusPlus
Spuren vergangener Liebe
Den Auftakt macht This Is Not a Love Song der Kompanie Otra Vez Lunes. Bereits die Ankündigung verspricht „Kumbia, Pistolen, Kill-Bill-Latino-Vibes“ und ein tragikomisches Biodrama zweier Trapezkünstlerinnen mit gebrochenem Herzen.
Die beiden Künstler:innen liegen auf der Bühne, als das Stück beginnt. Auf dem Rücken schieben sie sich mit den Füßen durch den Kreis. Wie zwei Bodenwischer ziehen sie ihre Körper über die Fläche. Vor und zurück. Eine Geste des Wegwischens geweinter Tränen? Oder geht es um die Beseitigung der Spuren einer Trennung?
Über ihnen hängen zwei Trapeze. Dazwischen schwebt ein glitzerndes Herz. Die beiden Frauen tragen übergroße weiße T-Shirts und Badehosen in Blau und Violett. Das Lied Eres Tú beginnt, als sich die Künstler:innen hinstellen – für einen Moment wirkt die Szene wie aus einem Liebesfilm entnommen. Dann beginnen die Körper, eine andere Geschichte zu erzählen.
Mit gekrümmten Beinen hängen die beiden über den Stangen, schwingen durch die Luft, lösen sich wieder, finden zurück. Immer wieder zucken die Körper. Der Schmerz liegt nicht nur im Thema des Stücks, sondern wird von den Performerinnen verkörpert.
Mit jedem weiteren Schwung, jeder Bewegung werden die Spuren auf den Körpern sichtbarer. Die Trapezstangen hinterlassen rote Streifen auf Beinen, Hüften und Armen. Wenn die T-Shirts verrutschen, treten sie noch deutlicher hervor. Was zunächst wie die unvermeidlichen Abdrücke einer Zirkusapparatur wirkt, wird Teil der Erzählung. Der Herzschmerz bleibt nicht abstrakt. Er wird sichtbar.
Die Frage, die das Stück immer wieder aufwirft, schwingt dabei mit: Wer ist diesen Schmerz eigentlich wert? Und doch gehört er im Leben mit dazu. Zwischen Kumbia, glitzerndem Herz und Trapezartistik entsteht ein Liebesdrama, das die Klischees romantischer Beziehungen aufgreift und gleichzeitig ihre Schattenseiten offenlegt.
"Die katalanischen Arbeiten erzählen von Herzschmerz, Einsamkeit, Sehnsucht, Verletzlichkeit und Nähe."
ZirkusPlus
Die Nacht muss eine Frau sein
Auch Nuria Luna Llena macht in Universal, sal! innere Zustände sichtbar. Allerdings nicht über Liebeskummer, sondern über eine Welt aus Gedanken, Ängsten und Fantasien.
In einem lilafarbenen Samtkleid steht sie im Kreis, umgeben von Hula-Hoops in Rosa, Türkis und Violett. Zunächst kreist nur ein Reifen um ihren Körper. Dann ein zweiter. Kurz darauf scheinen die Hula-Hoops überall zu sein. Sie wandern über Arme und Schultern, werden Teil ihrer Frisur und kreisen um ihren Körper. Mal wirken sie wie Schmuckstücke, mal wie Planeten in einer eigenen Umlaufbahn, dann wieder wie bunte Flügel.
Obwohl die Sonne auf die Rheinwiese scheint, entsteht nach und nach eine andere Welt. Die Atmosphäre erinnert an die letzten Stunden einer langen Nacht. An Neonlicht auf Asphalt. An den Moment, wenn man allein durch die Stadt geht und die Gedanken lauter werden als die Umgebung.
Nuria Luna Llena bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit durch dieses Universum aus Reifen. Sie spielt mit ihnen, tanzt zu elektronischen Sounds, fängt sie wieder ein. Ihr eigener Rave auf dem Heimweg einer Party?! Wo This Is Not a Love Song den Schmerz auf der Haut sichtbar macht, erschafft Universal, sal! eine innere Landschaft. Die Hula-Hoops werden zu Erweiterungen von Gedanken und Gefühlen. Die Reifen reichen aus, um das Publikum für einige Minuten aus dem sonnigen Festivalnachmittag herauszulösen.
"Dabei zieht sich das Motiv des Körpers als Träger emotionaler Empfindungen wie ein roter Faden durch die verschiedenen Arbeiten und nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch die Welt geteilter Gefühle – von Intimität über Selbstermächtigung bis hin zu Liebeskummer."
ZirkusPlus
Mehr Zärtlichkeit für alle
Den Abschluss bildet CLINCH von Yeinner Chicas und Angèl Duran. Das Stück lenkt den Blick auf Beziehungen zwischen männlich gelesenen Personen und macht deutlich, dass körperliche Nähe, Zärtlichkeit und Fürsorge zwischen Männern auch im 21. Jahrhundert noch von gesellschaftlichen Spannungen geprägt sind.
Die beiden Performer tragen Tanktops, lange Adidas-Hosen und bewegen sich zunächst vorsichtig durch den Kreis. Wie zwei Tiger in einem Käfig vor dem Kampf. Sie beobachten einander, tasten sich heran, halten Abstand. Die Spannung ist greifbar. Hände zunächst zu Fäusten geballt, fangen an, den Kontakt zu suchen. Schultern treffen auf Schultern. Körper stemmen sich gegeneinander. Im Kontrast dazu das langsame Tempo der beiden und die Kontinuität der Bewegungen.
Immer wieder entstehen Bilder, die an einen Boxkampf erinnern. Finten, Ausweichbewegungen, Angriffe. „Men don’t touch, they hit“ – dieser Satz scheint über der Choreografie zu schweben. Doch genauso oft kippt das Geschehen in etwas anderes. Chicas und Duran tragen einander, heben sich gegenseitig, fangen den anderen auf. Für einen kurzen Moment ruht einer auf den Schultern des anderen. Hebefiguren entstehen, die an Ballett erinnern.
Sanfte Musik begleitet die Szene. Wo zunächst Härte zu erwarten ist, entsteht Verletzlichkeit. Wo Konkurrenz vermutet wird, taucht Fürsorge auf. Die Bewegungen schwanken zwischen Kampf und Umarmung, zwischen Widerstand und Vertrauen.
Die Arbeit macht sichtbar, wie selbstverständlich körperliche Nähe zwischen männlich gelesenen Personen mit Kampfsport oder Dominanz verbunden wird. Hingegen sind sanfte Berührungen eher eine Seltenheit. Fließend wandeln sich Bewegungen, die zunächst Angriffsgesten sind, in Umarmungen. Je länger das Duett dauert, desto mehr weichen die Kampfgesten der Fürsorge. Aus dem Kräftemessen wird Unterstützung, aus Konfrontation Vertrauen. Wie schon in den Arbeiten zuvor werden Emotionen nicht ausgesprochen, sondern durch Körper erfahrbar gemacht.
Die katalanischen Arbeiten erzählen von Herzschmerz, Einsamkeit, Sehnsucht, Verletzlichkeit und Nähe. Rote Striemen auf der Haut, kreisende Hula-Hoops oder ein Ringkampf, der zur Umarmung wird – immer wieder werden Gefühle in Bilder und Bewegungen übersetzt. Zwischen Trapez und Hula-Hoop, zwischen Liebesdrama und Kräftemessen verschieben die Arbeiten die Grenzen zwischen Tanz und Zirkus, Technik und Erzählung, Spektakel und Intimität.
Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und ist Teil des Internationalisierungsprogramms im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans 2023–2026. Weiter Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).