Angels Aerials - Wie man das Fliegen nicht verlernt

Köln 2025

Angels Aerials - Wie man das Fliegen nicht verlernt

Gastbeitrag von Mareike Lyssy

Angels Aerials beweisen Kindern und Erwachsenen mit „Wenn Träume fliegen – Peter Pan“, dass die Schwerkraft überwindbar ist. Ein Besuch im CCCC beim Zeit für Zirkus Festival in Köln.

"Als Kind hätte ich schon nach den ersten Flügen über meinem Kopf selbst an einem der Seile durch die alte Fabrikhalle fliegen wollen. Als Erwachsene auch." (Foto: Luca Stoffels)
Wenn Erwachsene das Kindsein spielen

Als ich Kind war, mochte ich es nicht, wenn Erwachsene auf der Bühne oder sonst wo Kinder spielten. Es lag gar nicht so sehr daran, dass man uns Kinder für dumm verkaufen wollte. Denn wir erkannten einen Erwachsenen schon, wenn er vor uns stand, auch wenn er in kurzen Latzhosen oder einem anderen Requisit steckte, das ihn zum Kind machen sollte.

Aber man merkte nunmal, dass Erwachsene das nicht konnten – Kind sein. Sie spielten es in der Regel noch nicht einmal gut. Sie taten als ob, aber mit wenig Fantasie. Vielleicht einer der Gründe, warum Peter Pan nie erwachsen werden wollte, diese Einöde des fantasielosen Erwachsenendaseins.

Ein Geflecht aus Seilen am Firmament

Dass es so nicht zwangsläufig kommen muss, beweist das Flugtheater Angels Aerials mit seiner Adaption der Geschichte genau dieses immerjungen Jungen. Seit 2022 wirbeln die Flugakrobat:innen Erwachsene und Kinder in „Wenn Träume fliegen – Peter Pan“ durch die Lüfte, beim Zeit für Zirkus Festival 2025 in Köln tun sie es wieder. Hunderte Meter Seil helfen ihnen dabei.

Schaut man an diesem Nachmittag zur Hallendecke des CCCC, des Creation Center Contemporary Circus, auf, hängen dort so viele Seile übereinander und scheinbar durcheinander als hätten sich die größten Spinnen sämtlicher Märchen zusammengetan und unter diesem Dach gemeinsame Sache gemacht. Gerade noch wird man instruiert, unbedingt nach oben zu sehen, bevor man sich zur Toilette oder andernorts hinschleicht, schon sausen einem Kinder aus allen Himmelsrichtungen über den Kopf. 

Die Geschwister Darling, die Peter ins Nimmerland folgen, die blutrünstigen Pirat:innen um Kapitän Hook und sogar die Meerjungfrauen aus der Lagune tauschen ein ‚Tauchen durch tiefe Gewässer‘ an diesem Nachmittag gegen ein ‚Gleiten durch die Luft‘ ein.

Mitspielerlaubnis

Die Erwachsenen dürfen mitspielen: Als Kapitän Hook, der natürlich von einer Erwachsenen gespielt werden muss, denn nur Erwachsene können sich derartig barbarisch aufführen. Als tickendes Krokodil, das schließlich groß genug sein muss, um einen ganzen Hook fressen zu können. Und als Tinkerbell, weil Kinder erwachsene Männer in Feenkostümen lustig finden und die Erwachsenen womöglich nicht entscheiden wollten, welches Kind dieses Rollenklischee andernfalls hätte ausfüllen sollen.

Aber – und das hätte mir als Kind gefallen – hauptsächlich bleiben die ausgewachsenen Mitglieder von Angels Aerials als Strippenzieher in den Kulissen. Wo Peter einem Hieb von Hook ausweicht und leichtfüßig in die Luft hüpft, greift an der Seite jemand beherzt in die Seile. Als die Geschwister Darling nacheinander den Nachthimmel durchfliegen, klettern im Dunkeln ihre Gegengewichte nacheinander die Sprossen eines Gerüsts herab und bewegen sie so fort.

Wenn Mut und Fantasie Erwachsene erneut abheben lassen
Die erwachsenen Angels Aerials haben sich ihre Fantasie offenbar erhalten. Vielleicht haben die Kinder des Flugtheaters ihnen das Fantasieren auch wieder beigebracht. Denn die stürzen sich mit einer Wucht von Gerüsten in die Tiefe und durch den Raum als würde es so etwas wie Höhenangst gar nicht geben und überhaupt als müsse man sich nur kräftig genug abstoßen, dann würde das Fliegen schon von allein einsetzen.
 
Als Kind hätte ich schon nach den ersten Flügen über meinem Kopf selbst an einem der Seile durch die alte Fabrikhalle fliegen wollen. Als Erwachsene auch.

 

Gastbeitrag von Mareike Lyssy

*Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung zu ZEIT FÜR ZIRKUS – ZEIT ZUM REDEN, organisiert vom Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V. und gefördert vom Fonds Darstellende Künste und dem Kulturamt der Stadt Köln.