Ausverkauft ohne eine einzige Anzeige: Was die Premiere von ZirkusLea Live über das neue Publikum des Zirkus verrät

ZirkusLea Live | Berlin 2026

Ausverkauft ohne eine einzige Anzeige: Was die Premiere von ZirkusLea Live über das neue Publikum des Zirkus verrät

Mehr als 700 Besucher:innen, Standing Ovations, kein Ticket mehr übrig. Und beworben wurde die Show nach Angaben der Veranstalterin ausschließlich über Social Media. Lea Toran Jenner hat am Samstag in Berlin ihre erste eigene Produktion gezeigt. Interessanter als die Zahlen ist die Frage, über welchen Weg dieses Publikum in den Saal kam.

Foto: Pimster Creations I Daniel Schulkowsky

Der Abend hatte alles, was eine gelungene Premiere ausmacht: ein ausverkauftes Haus, ein Publikum, das nach der neuen Cyr-Wheel-Nummer aufstand, eine Artistin, die danach sichtlich außer Atem war. Für die deutsche Zirkuslandschaft ist aber ein anderer Punkt bemerkenswert.

„ZirkusLea Live“ wurde laut Veranstalterin ohne klassische Werbung gefüllt. Kein Plakat, keine Anzeige, keine Kulturbeilage: Die Tickets gingen über die Social-Media-Kanäle der Artistin weg. Der Saal fasst bestuhlt bis zu 800 Plätze.

Der Weg ins Publikum führt über den Feed

Lea Toran Jenner, 34, in München geboren, in Ulm aufgewachsen, Tochter eines Spaniers, arbeitet seit Jahren zweigleisig: als Artistin auf Bühnen wie dem Moulin Rouge und in Produktionen des Cirque du Soleil und als Creatorin unter dem Namen ZirkusLea. Nach Angaben ihrer Agentur erreicht sie monatlich ein Millionenpublikum, überwiegend junge Frauen; ihr Podcast „ZirkusHotline“ komme pro Folge auf mehr als 2.000 Hörer:innen.

Diese Reichweite war der einzige Vertriebskanal des Abends. Wie sich das Publikum im Saal tatsächlich zusammensetzte, ist nicht erhoben. Zwei Beobachtungen aus dem Programm geben aber einen Hinweis. Vor der Show führte die Artistin 54 Fans durch eine Ausstellung ihrer Kostüme im Foyer und erzählte Geschichten aus ihrer Karriere, die sie nach eigener Darstellung bisher nie öffentlich geteilt hatte. Während des Abends nahm sie vor Publikum eine Folge ihres Podcasts auf; die Fragen kamen aus dem Saal, laut Veranstalterin vor allem von jungen Frauen und Mädchen.

Ein Zirkusabend im Comedy-Club

Auch der Ort sagt etwas über das Format. Gespielt wurde nicht im Zelt, nicht im Varieté-Theater und nicht in einem Haus der freien Szene, sondern im Punch Line Club im Untergeschoss des Theaters am Potsdamer Platz – einer Spielstätte, die sich selbst als House of Comedy für deutschsprachige und internationale Stand-up-Acts beschreibt. Die anderthalbstündige Show mischte Artistik mit biografischer Erzählung: neue Solonummern im Cyr Wheel und am Pole, dazwischen persönliche Geschichten.

Roter Faden war der eigene Weg: Als Kind sah Toran Jenner in Madrid zum ersten Mal den Cirque du Soleil, 25 Jahre später stand sie dort selbst auf der Bühne. Sie wolle Menschen dazu inspirieren, an die eigenen Träume zu glauben, sagt sie – ihr eigener sei in Erfüllung gegangen, auch weil sie jeden Tag hart dafür gearbeitet habe.

Dass als Special Guest mit Malou Lovis die Gewinnerin der 13. Staffel von „The Voice of Germany“ auftrat, passt ins Bild: Das Format sucht seine Bezugspunkte eher im Pop- und Creator-Umfeld als in der Zirkustradition.

"Ich wollte immer Zirkusartistin werden. Das war mein größter Traum, obwohl er unmöglich schien. Er ist in Erfüllung gegangen, auch weil ich jeden Tag sehr hart dafür gearbeitet habe."

Was das für die Branche heißt – und was nicht

Die Debatte um einen modernen Zirkusbegriff wird hierzulande vor allem über Ästhetik geführt – zeitgenössischer Zirkus statt Dressur, Dramaturgie statt Nummernfolge, Festival statt Tournee. ZirkusLea Live verschiebt eine andere Achse, die des Zugangs. Hier kommt das Publikum nicht über Kulturförderung, Abo oder Festivalkalender, sondern über eine Bindung, die vorher online entstanden ist.

Die zweite Verschiebung betrifft die Produktionsstruktur. Hinter der Show steht die „Circus is more! GmbH“, die Toran Jenner gemeinsam mit der Unternehmerin Sina Beranek gegründet hat; „ZirkusLea Live“ ist deren erste Produktion. Beranek führt mit Pimster Creations zugleich die Marketing- und Sportmanagementagentur, die Produktionsmanagement, Vermarktung und Content übernahm. Das Modell ist also weniger Kompanie als Medienunternehmen mit Bühnenformat.

Beranek selbst beschreibt es als Kraftakt: Es sei „nicht einfach neben unserem normalen Agenturgeschäft eine eigene Show auf die Beine zu stellen“, sagt sie in der Mitteilung ihrer Agentur.

Vom Einzelabend zur Reihe?

Bei aller Euphorie lohnt der nüchterne Blick: Bislang ist das ein einzelner ausverkaufter Abend. Eine Tour im kommenden Jahr ist angekündigt, die Finanzplanung dafür steht nach Angaben des Teams aber noch aus – die Produktion sei aufwendig, eine Tour müsse sich rechnen. Derzeit werde geprüft, wie sich das Format wirtschaftlich auf weitere Bühnen bringen lässt.

Ob also tatsächlich Schwung in die Landschaft kommt, entscheidet sich nicht an der Premiere, sondern daran, ob aus dem einen Abend eine Reihe wird – und ob das Publikum, das über den Feed kam, danach auch den Weg ins Varieté, ins Zelt oder zum Zirkusfestival findet.

 

ZirkusPlus Online-Redaktion