Der zeitgenössische Zirkus geht ins Archiv

Zirkus Archiv

Der zeitgenössische Zirkus geht ins Archiv

Zeitgenössischer Zirkus möchte zwar keine ausschließlich ernste Kunst sein, aber durchaus ernst genommen werden. Das zeigt sich am derzeit zu beobachtenden Aufbau neuer Archive. Katalonien baut vorbildhaft eine digitale Sammlung auf, die künftig öffentlich zugänglich sein soll. Für die deutsche Zirkusszene ist seit Anfang dieses Jahres ein Archiv der freien darstellenden Künste offen.

Der zeitgenössische Zirkus geht ins Archiv
Foto: Andrei Schnell

Sammlungen von Eintrittskarten, Plakaten und Zeitungsausschnitten, die den Zirkus und sein Umfeld dokumentieren – Star-Artist:innen, fahrende Familien, berühmte Nummern –, existieren, seit es den modernen Zirkus gibt. Neu ist, dass der noch relativ junge zeitgenössische Zirkus jetzt ebenfalls beginnt, Zeugnisse über sich zu sammeln. Auffällig dabei: Er tut dies nicht aus reiner Sammelleidenschaft, sondern mit akademischem Anspruch.

Dafür ein Beispiel. Beim Berlin Circus Festival präsentierte der Berufsverband der Zirkusschaffenden Kataloniens (L’Associació de Professionals de Circ de Catalunya, APCC) eine bislang nicht öffentlich zugängliche Beta-Version des „Lebendigen Archivs“. Dieses „Arxiu de Circ“ sammelt Fotografien, Filmmitschnitte, Zeitungsausschnitte, Plakate und weitere Dokumente zur Geschichte des katalanischen Zirkus.

Zeitgemäß ist, dass dabei von Anfang an auf Digitalisierung gesetzt wird. Marc Aguilar Santiago, der das Archiv während des Festivals dem Fachpublikum vorstellte, sagte, dass die Digitalisierung nicht nur der breiten Zugänglichkeit diene, sondern auch der Rettung von Material, das vom Verfall bedroht sei.

Neben der technischen Aufbereitung der Sammlung ist an diesem Beispiel vor allem eines markant: Das Archiv will nicht nur bewahren, sondern auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung vorbereiten. So hat das Team eine Rubrik mit dem Titel „Narrative“ eingerichtet. Es hat Artikel verfasst, die zum Beispiel mit „Zirkusfotografie“, „Zirkus und Exil“ oder „Chronisten, Kritiker und Historiker“ überschrieben sind.

Diese Beiträge verstehen sich als Zufahrtsstraßen, über die künftige Nutzer:innen schnell in die Fülle des Materials hineinfinden. Dahinter steckt mehr als der Gedanke, serviceorientiert die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Es geht darum, dass der zeitgenössische Zirkus professionell über sich selbst nachdenken will. Er betritt das Feld der Selbstreflexion, vielleicht sogar der wissenschaftlichen.

"Josa Kölbel (Berlin Circus Festival) beobachtet, dass Kompanien kleiner und beweglicher würden und das Thema Diversität an Bedeutung gewinne."

Selbstreflexion und Selbstverortung beginnen mit der Erkenntnis, dass der zeitgenössische Zirkus Teil einer Geschichte ist. Bereits in der Antike und im Mittelalter gab es Artistik, wenn auch in anderer Form. Über Jahrhunderte zogen fahrende Gaukler von Ort zu Ort. Der moderne Zirkus entstand dann im späten 18. Jahrhundert in festen Häusern, bevor Zelt und Wagen ihn wieder mobil machten.

Die Krise des Zirkus nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu neuen Formen und Formaten, die heute als zeitgenössischer Zirkus oder Cirque Nouveau bezeichnet werden. Damit ist er eine Phase in einer langen Tradition – und gleichzeitig eine, die mittlerweile eine eigene Geschichte besitzt. Und die entwickelt sich ständig weiter.

Fragt man beim Berlin Circus Festival einzelne Akteur:innen nach aktuellen Entwicklungen, dann fallen viele Stichworte.

Juliette Beaume, die mit dem Förderprogramm Meridian(s) katalanischen Zirkus nach Berlin bringt, sagt über Katalonien, dass dort mehr Festivals, mehr Probenräume und mehr Spielstätten entstünden. Unterricht und Forschung kämen hinzu.

Josa Kölbel aus dem Team des Berlin Circus Festivals beobachtet unter anderem, dass die Kompanien kleiner und beweglicher würden und das Thema Diversität an Bedeutung gewinne. Bei den Produktionsbedingungen sieht er, dass die Budgets schrumpften, was zu kleineren Shows führe und die Bereitschaft zu großen Produktionen sinken lasse.

"Der zeitgenössische Zirkus hat das Archiv für sich entdeckt."

Das heißt: Entwicklung ist da und spürbar. Wer sich in der Zirkusszene engagiert oder sie zumindest beobachtet, bekommt diese Veränderungen mit. Wer sich jedoch neu für zeitgenössischen Zirkus interessiert, hat nur wenige Möglichkeiten, sich zu informieren. Bei Wikipedia findet sich lediglich ein knapper Artikel zum Cirque Nouveau.

Doch es fehlen nicht nur Lexikoneinträge. Die kulturwissenschaftliche Erforschung durch Circus Studies steckt hierzulande in den Kinderschuhen. Eine Professur für zeitgenössischen Zirkus sucht man vergebens.

Ein erster Schritt auf dem Weg zur wissenschaftlichen Erkundung des Zirkus ist die Schaffung von Archiven. Zwar gibt es bereits einige umfangreiche Sammlungen leidenschaftlicher Einzelpersonen. Diese sind jedoch nicht digitalisiert und befinden sich nicht in öffentlicher Hand.

Anfang dieses Jahres an den Start gegangen ist das Performing Archive, ein digitales Archiv der freien darstellenden Künste. Es versteht sich als Plattform, auf der Akteur:innen ihr Material selbst hochladen und veröffentlichen können – ein Archiv der Vielen statt eines zentralen Sammlers. Noch sind die digitalen Regale weitgehend leer. Dennoch ist eines deutlich erkennbar: Der zeitgenössische Zirkus hat das Archiv für sich entdeckt.

 

Andrei Schnell

Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans (2023 – 2026) vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und vom Institut Ramon Llull (IRL) sowie dem Katalanischen Institut für Kulturunternehmen (Institut Català de les Empreses Culturals, ICEC) des katalanischen Kulturministeriums unterstützt.  Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).