Energiestrudel des Zirkus – „Foutoir Céleste“ beim Berlin Circus Festival

Berlin Circus Festival 2025

Energiestrudel des Zirkus – „Foutoir Céleste“ beim Berlin Circus Festival

Das Berlin Circus Festival ist zum elften Mal wie ein Strudel, in dem knapp zwei Wochen lang die Energie des zeitgenössischen Zirkus das Publikum mitreißt. Symbolisch für diese Kraft steht gleich am ersten Abend die Show „Foutoir Céleste“ der französischen Kompanie Cirque Exalté.

"Dass sich dennoch „Foutoir Céleste“ wie der Auftakt anfühlt, liegt daran, dass diese Show und das Berlin Circus Festival etwas gemeinsam haben: das Strudelhafte." (Foto: Lila Doussot)

Zuerst sind da die langsam gesprochenen Worte:

Einatmen … Ausatmen.

Dann rollt auf einem BMX-Rad gemächlich ein Akrobat in einem Fell auf die Bühne und zieht seine Kreise. Er ist der Kojote. Ein gedehnter Rhythmus aus einfachen tiefen Tönen begleitet ihn. Das ist, wie es beginnt.

Wie es endet, geht so: Die Musik überschlägt sich mit Akkorden am oberen Ende der Tonleiter und der Takt erreicht das Tempo des Wahnsinns.

Auf der Bühne rennen (rasen beinahe) sechs Akrobaten im Kreis, werfen einander durch die Luft und schreien Urlaute. Zwischen ihnen hetzt der Kojote, treibt das irrsinnige Drehspiel immer weiter an.

Was die Show „Foutoir Céleste“ der französischen Kompanie Cirque Exalté aufführt, gleicht einem Strudel, einem Mahlstrom, der alles und alle mitreißt.

Es ist die erste Show beim diesjährigen Berlin Circus Festival (BCF), die im großen Zelt, dem Grand, zu sehen ist. Um 20.30 Uhr, zur Prime Time.

Und Josa Kölbel, einer der beiden Direktoren dieses Festivals des zeitgenössischen Zirkus, kündigt die Show persönlich an. Dieser Donnerstagabend (31.7.) fühlt sich an wie der Auftakt des Festivals. Auch wenn bereits ein Tag zuvor, am Mittwoch, mit der Performance This is (not?) a party“ der Start gefeiert wurde. Und auch wenn beinahe parallel um 19.30 Uhr die berühmte niederländische Kompanie Knot on Hands zum ersten Mal in Deutschland ihre Show „Meander“ zeigt.

Dass sich dennoch „Foutoir Céleste“ wie der Auftakt anfühlt, liegt daran, dass diese Show und das Berlin Circus Festival etwas gemeinsam haben: das Strudelhafte. Das Festival entlädt innerhalb weniger Tage auf dem Tempelhofer Feld die volle Energie des zeitgenössischen Zirkus.

Zu sehen sind 19 Kompanien mit 51 Auftritten.

Darunter sind sechs Shows, die zum ersten Mal in Deutschland präsentiert werden. Drei große, beigefarbene Zelte, die jeweils Hunderte Zuschauer:innen fassen, stehen im Kreis auf dem Tempelhofer Feld. Zwischen den Zelten gibt es Kunstinstallationen, Publikumsgespräche, Bars und eine Freiluftbühne.

"Was die Show „Foutoir Céleste“ der französischen Kompanie Cirque Exalté aufführt, gleicht einem Strudel, einem Mahlstrom, der alles und alle mitreißt." (Foto: Andrei Schnell)

Das Berlin Circus Festival ist in diesem Sommer elf Jahre alt geworden. Im letzten Jahr wurde groß die zehnte Ausgabe gefeiert.

Kommt in diesem Jahr ein wenig Katerstimmung auf? Josa Kölbel, einer der beiden Direktoren des Festivals, sagt, auch sein Team müsse mit den Kürzungen umgehen, die Berlin derzeit im Kulturbereich vornimmt. Nun sei es Ziel für das Festival, Programmumfang und Qualität zu halten. Das heißt: stabilisieren statt wachsen.

„Wir haben beim Wachsen eine natürliche Grenze erreicht“.

Die aktuelle Größe des Festivals sei gut händelbar und man wolle nicht größer werden. Zudem sei ja unverändert – Josa Kölbel seufzt unhörbar die wichtigste Aufgabe, „weiterhin zu vermitteln, was zeitgenössischer Zirkus ist“.

Beim Festival kämen immer noch viele Zuschauer:innen zum ersten Mal mit dieser Kunstform in Berührung. Eine weitere Herausforderung neben den Kürzungen der Zuschüsse ist der Wunsch des Berliner Senats, Teile des Tempelhofer Feldes zu bebauen.

„Wir hoffen, wir werden als etabliertes Kulturfestival bei den Entscheidungen mitbedacht“, sagt Josa Kölbel.

Er hoffe, es werde rechtliche Sicherheit geschaffen, der Standort als Kulturstandort bestimmt. Damit spielt er darauf an, dass es in Berlin in den letzten Jahren immer wieder vorgekommen ist, dass neu zugezogene Anwohner alteingesessene Kultureinrichtungen mit Lärmschutzklagen verdrängt haben.

"Himmlisches Durcheinander heißt „Foutoir Céleste“ auf Deutsch." (Foto: Roman Chartier)

Das sind Sorgen; doch Sorgen sollen die Menschen draußen lassen, wie eine Stimme aus dem Off die Zuschauer:innen zu Beginn von „Foutoir Céleste“ auffordert. Eine eigentlich überflüssige Anweisung, denn in dem Rausch der Show wäre gar kein Platz für sie.

Nicht zufällig sind es treibende Technoklänge, die die im Laufschritt vollführte Akrobatik begleiten. Ist doch Techno die am meisten ekstatische Musik. Immer schneller, immer wilder werden die Darbietungen auf dem Bühnenboden; und darüber kommen in der Luft die waghalsigsten Drehungen und Sprünge am Trapez hinzu.

Himmlisches Durcheinander heißt „Foutoir Céleste“ auf Deutsch. „Foutoir Infernal“ (höllisches Durcheinander) würde den sich im Kreis drehenden Mahlstrom der Akrobatik auch gut beschreiben. Treffend ist der Name der Kompanie Cirque Exalté (überschwänglicher Zirkus).

Cirque Exalté geht auf Sara Desprez und Angelos Matsakis zurück. Die beiden trafen sich vor mehr als 20 Jahren. Die Kompanie gründeten sie 2008. Beheimatet ist Cirque Exalté im nordwestfranzösischen Le Mans.

Das Berlin Circus Festival wurde 2015 von Josa Kölbel und Johannes Hilliger erfunden. Seit 2016 ist das Tempelhofer Feld Spielort. Der bisherige Rekord an Zuschauer:innen wurde im vergangenen Sommer beim 10. Jahrestag mit 11.000 Besucher:innen aufgestellt.

Andrei Schnell