Keine Räume, keine Kunst - Die Zukunft der Freien Darstellenden Künste in Köln
Zeit zum Reden 2025
Matchmaking und kalte Füße
Mareike Lyssy
Zum Auftakt des Festivals für Zeitgenössischen Zirkus in Köln sprechen Vertreter:innen aus Politik und den Freien Darstellenden Künsten über fehlende Räume und Abhängigkeiten.
(Foto: Dominikus Moos, fragil und Kollektiv CCCC KÖLN)
Kalte Hallen, warme Stiefel: Alltag im CCCC
Am Schuhwerk erkennt man die Arbeitsbedingungen. Stahlkappen an Arbeitsplätzen, wo es schwere Objekte gen Boden zieht. Gepflegte Lederschuhe, wo es um Hierarchien geht. Schwarze Sneaker, wo viel und unauffällig für Andere gelaufen wird. Bunte Sneaker, wo ein:e jede:r Angestellte seine Individualität ausleben darf.
In dieser Gesprächsrunde sind es die wollig gefütterten Winterstiefel von Suse Beschorner, die einen Hinweis zumindest auf die klimatischen Arbeitsbedingungen im CCCC – Creation Center Contemporary Circus – geben. Die Leiterin des CCCC, das eine der alten Industriehallen im Osthof Kalk bespielt, folgt damit ihrer eigenen Kleidungsempfehlung
„Draußen wird es Winter und wir haben drinnen keine Heizung, dafür aber Löcher in den Fenstern. […] Deswegen raten wir zu dicker Hose und Pullover auf warmer Skiunterwäsche […] abgerundet mit dicken Socken in gefütterten Winterschuhen mit dicken Sohlen.“, heißt es in einem Hinweis an die Besucher:innen, die dem diesjährigen Programm des Festivals für Zeitgenössischen Zirkus in die alte Fabrikhalle folgen.
Kölner Kulturakteur:innen im Kampf um Handlungsspielräume
Das ist eine der Arbeitsrealitäten, die zum Auftakt des bundesweiten Festivalwochenendes in dem begleitenden Format „Zeit zum Reden“ dargestellt wird. Zum Thema „Keine Räume, keine Kunst – Die Zukunft der Freien Darstellenden Künste am Limit“ versammelten sich Vertreter*innen aus Politik und eben jenen Freien Darstellenden Künsten Kölns und gaben dem Publikum Einblicke darin, was es heißt, Räume für die Freien Szenen zu finden, zu erkämpfen, zu finanzieren und zu erhalten.
Natürlich ging es auch hier um Fördergelder, Haushaltssperren und die Frage, was es für die Kulturlandschaft Kölns bedeutet, wenn der neue Oberbürgermeister Kultur und Sport gern in einem Atemzug nennt. Doch die Anwesenden leben und arbeiten schon zu lange in einem politischen Klima, das Kunst und Kultur als ästhetischen Feinschliff einer Gesellschaft betrachtet, auf den notfalls verzichtet werden kann, als dass sie nicht längst an anderen Finanzierungskonzepten arbeiteten.
Wo eine:r von Begriffen wie Querfinanzierung, Vermietung oder auch Matchmaking zwischen Freien Szenen und privaten Investor:innen sprach, nickten auch die Anderen die eigenen Erfahrungen noch einmal erinnernd. Das Finanzierungskonzept der Stadtverwaltung für das Depot in Mühlheim hänge von der teilweisen Vermietung der Veranstaltungsräumlichkeiten an einen Musicalveranstalter ab, der bis dato den Mietvertrag noch immer nicht unterschrieben habe, so Lena tom Dieck, die Projektleiterin der Neuausrichtung des Depots.
Das CCCC habe sich nach schlechten Vermietungserfahrungen wieder gegen Mieteinnahmen und für den mittellosen Luxus der alleinigen Gestaltungsfreiheit entschieden, so Beschorner.
Benjamin Thele, Leiter der Stabsstelle Kulturraummanagement der Stadt Köln, warf seinerseits den romantischen Begriff des Matchmakings in die Gesprächsrunde und definierte die Rolle der Stadt Köln im Ringen um nutzbare Flächen für Kunst und Kultur somit als die einer Heiratsvermittlerin zwischen schönem, aber leider armem Mädchen und unangenehmem, aber leider reichem Millionär.
Freie Künste als unverzichtbare Verhandlungsräume
Dass es auch zukünftig kreative Finanzierungsideen für einen Fortbestand der Freien Szenen brauche, darin war man sich allgemein einig. Weshalb die Freien Darstellenden Künste in Deutschland bei der Vergabe von finanziellen Mitteln allerdings nach wie vor als schmückendes Beiwerk und nicht für das, was sie bieten, nämlich Verhandlungsräume für die Themen, die uns als Gesellschaft beschäftigen, berücksichtigt werden, hat an diesem Abend niemand mehr gefragt.
Es heißt wohl auch weiterhin warm anziehen für Kunst- und Kulturschaffende auf der Suche nach Räumlichkeiten in Städten, die ihre Attraktivität nicht zuletzt ihrem Kunst- und Kulturangebot zu verdanken haben.
Mareike Lyssy
*Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung zu ZEIT FÜR ZIRKUS – ZEIT ZUM REDEN, organisiert vom Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V. und gefördert vom Fonds Darstellende Künste und dem Kulturamt der Stadt Köln.