Lotta & Stina - 20 Jahre lang den Humor bewahrt
Lotta & Stina
Lotta & Stina 20 Jahre lang den Humor bewahrt
Das Leben ist nicht einfach. Schon gar nicht in der Welt des Zirkus. Wie hart es sein kann, zeigen die beiden Artistinnen Lotta und Stina in ihrer Show „20 Years Later – Still here“. Überraschenderweise ist es ein heiteres und komisches Stück. Es lobt die Tugend des Humors.
Lotta und Stina leben aus dem Koffer. Zu Beginn der Show, während das Publikum seine Sitzplätze im Pfefferwerk Theater Berlin sucht, sind die beiden Artistinnen mit sich selbst beschäftigt. Sie hantieren vor einem zwei Meter hohen Reisekoffer, über dem in pinker Leuchtschrift Lotta & Stina steht.
Erst im Lauf der Show wird klar: Der Koffer ist für die beiden das, was für andere das Zuhause ist. Denn die beiden Artistinnen eilen von Auftritt zu Aufführung, ihr Leben ist die Bühne, ihr ordnen sie alles unter. Das Zirkusleben, das zunächst lustig beginnt, fordert im Lauf der Show immer mehr Lebensentscheidungen.
Doch so existenziell die Show auch wird, stets überwiegt in ihr der Humor. Als wollten die beiden sagen: Es ist schon komisch, sich freiwillig von der Zirkuswelt auffressen zu lassen.
Mehrmals fragt eine Stimme aus dem Off: „Was hat euch 20 Jahre lang dranbleiben lassen?“ Dahinter steckt die allgemeine Frage: Warum malen Maler, warum dichten Dichter, warum schauspielern Schauspieler? Lotta und Stina bleiben eine Antwort schuldig. Sie machen einfach weiter auf ihrem Rola Bola. 65 Minuten lang zeigen sie ihre Kunst; balancieren gemeinsam und machen einen Handstand auf dem Kopf der Partnerin.
Aber warum machen denn nun Artist:innen Artistik oder machen Künstler:innen Kunst? Und das trotz des nicht selten hohen Preises?
Für die Zuschauer:innen im Berliner Pfefferberg Theater hat diese Frage eine schmerzliche Nebenbedeutung. In diesem Jahr spart der Senat 130 Millionen Euro im Kulturetat. In der Folge wird es deutlich weniger von dem geben, das nur entsteht, weil sich andere aufreiben; kurz:
Es wird weniger Kunst geben.
Weit über zehn Prozent der Zuschüsse, die die Hauptstadt bislang ihren Theater, Museen, Kirchen oder Planetarien gewährte, sollen gekürzt werden. Zudem taucht in den mehrbändigen Haushaltsplänen Berlins weder das Wort Zirkus noch das Wort Circus auf. Es ist also sicher nicht zu viel spekuliert, dass auch die Landespolitik keine Antwort auf die Frage hat, warum bloß um alles in der Welt Akrobat:innen Akrobatik machen.
Auch Lotta Paavilainen und Stina Kopra lassen in ihrem Stück die Frage nach dem Sinn der Akrobatik unbeantwortet. Aber allein die Tatsache, dass seit mehr als zwanzig Jahren Shows mit zeitgenössischem Zirkus einüben und erfolgreich durch Europa touren, beweist, dass der zugrunde liegende Antrieb stark sein muss.
Ihre Zusammenarbeit begann 2001 in Finnland. Seitdem arbeiten sie stets mit dem Rola Bola. Und mit Humor. Wenn „20 Years Later – Still here“ ein Rückblick auf ihr bisheriges Artistinnenleben ist, dann ist er vor allem einer, der immer wieder die komischen Seiten dieses Lebens zeigt.
Auch wenn es an einigen Stellen sehr ernst wird und die Zuschauer:innen das Geschehen auf der Bühne eher nachdenklich als schmunzelnd beobachten. Zum Beispiel, wenn es um Drill, nein, ums Üben und um Training geht. Wenn es um Verletzungen geht. Oder, und das besonders eindrücklich, wenn es um Schwangerschaft geht. Diese Szene beginnt gewohnt schräg, wenn der Satz fällt: „Macht eine schwangere Artistin einen guten Eindruck auf der Bühne?“ Doch schnell kippt die Szene, wenn der Babybauch, der durch einen Luftballon vorgetäuscht wird, mit einer Nadel zerstochen wird und es schlagartig dunkel im Saal wird. Zurück bleibt die Frage:
Wie weit darf die Künstlerin gehen? Und warum ist dies eine Frage, mit der eine Frau allein gelassen wird, keine Unterstützung erhält?
Die bunte Zirkuswelt hat ihre dunkle Seite dort, wo die Regeln ausschließlich nach männlichen Maßstäben funktionieren. Aber belehrend, das wollen Lotta und Stina auf keinen Fall sein. Sie wollen nur nicht verschweigen, dass sie Frauen sind. Und sie glauben daran, dass über allem der Humor stehen sollte. Das verrät schon der Untertitel ihrer Show: „2 Frauen – 23 Jahre – 23 Länder – 10.000 Shows – 5 Knochenbrüche – 2.000 Idioten – 1 abgesagte Show“.
Andrei Schnell