Minifestival PLAY startet mit Stück übers Altwerden

Gastspielreihe Play in Berlin

Minifestival PLAY startet mit Stück übers Altwerden

Das Berliner Chamäleon beginnt zum dritten Mal das Jahr mit dem Minifestival PLAY. An 25 Abenden innerhalb eines Monats stehen neun Kompanien auf der Bühne. Zum Auftakt spielten Circumstances aus Belgien. Ihr Stück „Glorious Bodies“ bricht mit der Konvention, die Artist:innen ab einen unbestimmten von der Bühne verbannt.

„Vielleicht gehört es ja zum Alter, keine Auftritte zu haben - hat Astrid Schöne sich gefragt, bevor sie das Angebot erhielt, in Glorious Bodies mitzumachen." (Foto: Heroen Bollaert)

Regeln darüber, was sich schickt und was sich nicht schickt, haben mitunter die wunderliche Folge, dass Handlungen gleichzeitig versteckt und vor aller Augen ablaufen. So gilt es zum Beispiel als richtig, jung und dynamisch zu wirken.

Dabei lenken hinter den Kulissen in Vereinen wie in Unternehmen fast ausschließlich alte Menschen das Geschehen. Ein Vorgang, für den die belgische Zirkuskompanie Circumstances in der Show „Glorious Bodies ein treffendes Bühnenbild gefunden hat. Die Artist:innen zeigen ihre Kunst hinter einer weißen, lichtdurchlässigen Leinwand. Wie bei einem Schattenspiel ist ihre Aufführung einerseits zu sehen und andererseits verborgen.

Bis zu dem Moment, in dem die Vorhänge von den Menschen einfach heruntergerissen werden. In perfekt ausgeleuchtetem Licht stehen die sechs Artist:innen plötzlich vor dem Publikum. Und alle sehen, dass aus den kurzen Kostümchen gealterte Beine und Arme hervorragen.

Schickt sich das? Zumindest ist der Anblick ungewohnt. Doch Ungewohntes, Neues und Unerwartetes zu zeigen, das ist der Anspruch der Gastspielreihe PLAY, die am Freitag, 22. Januar, im Berliner Chamäleon startete.

Neun Kompanien präsentieren innerhalb eines Monats an 25 Abenden ihre Stücke, die die Zuschauer:innen emotional und rational aufwühlen wollen. So stehen in der Kompanie „Circus Sonnenstich“ Künstler:innen mit und ohne Trisomie 21 gemeinsam auf der Bühne. Unterschiedliche Genres wie Akrobatik, Tanz oder auch Puppenspiel vermischen die Kompanien Overhead Project und Raum 305. Extreme Techniken der Seilfesselung, die dennoch von Zärtlichkeit und Vertrauen erzählen, werden im Stück EZ zu sehen sein. Hairhanging, bei dem Körper zu Objekten werden, zeigt Ana Jordão. Humor bringt Trygve Wakenshaw in die Kunstform zeitgenössischer Zirkus. Gesellschaftskritik übt das Stück „Omâ“. Und aktuell ist Palianytsia“. Das Wort bedeutet im Ukrainischen Brot und ist außerdem der Name einer ukrainischen Langstreckenrakete.

"Für Intendantin Anke Politz ist PLAY ein Herzensprojekt, das es schafft, „in kürzester Zeit die Vielfalt des zeitgenössischen Zirkus abzubilden." (Foto: Andrei Schnell)

Für Intendantin Anke Politz ist PLAY ein Herzensprojekt, das es schafft, „in kürzester Zeit die Vielfalt des zeitgenössischen Zirkus abzubilden“. Geschäftsführer Hendrik Frobel beschreibt die Gastspielreihe PLAY deshalb als ein Minifestival. Das Besondere an dieser dritten Ausgabe ist, dass das Chamäleon mit den gezeigten Stücken nicht nur die Herzen, sondern auch die Köpfe der Zuschauer:innen berühren will.

Neben einer PLAY-Zeitung und einem Begleitprogramm mit Workshops und Künstlergesprächen gibt es eine PLAY-Wall. Das ist eine Wand, an der das Publikum seine auf Karteikarten notierte Gedanken anpinnen kann. Die einfache Aufforderung, sich vor dem Aufschreiben dieser Gedanken zunächst mit seiner Nachbarin oder seinem Nachbarn auszutauschen, ist wirkungsvoll.

Denn tatsächlich kommt es zu dem in Theatern selten zu erlebenden Phänomen, dass das Publikum nach seinem Beifall nicht schnurstracks den Saal verlässt. Es bleibt anwesend; und das meint hier: körperlich anwesend und gedanklich anwesend.

"Herzerwärmend (heartwarming) hat Hendrik Frobel das Eröffnungsstück der PLAY-Reihe im Chamäleon genannt. Noch bis zum 22. Februar sind die neun Kompanien bei PLAY in Berlin zu Gast." (Foto: Heroen Bollaert)

Und es lohnt sich ja auch, die Gedanken noch einmal um Glorious Bodies“ und die sechs Artist:innen kreisen zu lassen. Die jüngste Artistin in der Besetzung ist mit 57 Jahren Astrid Schöne. Die älteste, Det Rijven, ist 70 Jahre alt.

„Vielleicht gehört es ja zum Alter, keine Auftritte zu haben“, hat Astrid Schöne sich gefragt, bevor sie das Angebot erhielt, in Glorious Bodies“ mitzumachen. Sie hat „Ja“ gesagt. „Ja“ zu noch einmal hartem Training. Für Johannes Fischer (65 Jahre) behandelt das Stück die Frage, ob das Alter ein Bergab ist oder etwas anderes“.

Am Ende „geht es ums Jung-im-Kopf-bleiben“. So hat beispielsweise Thorsten Bohle für die Show seine Komfortzone verlassen. Statt einen Charakter darzustellen, was ihm Sicherheit bietet, ist er in Glorious Bodies“ niemand anderes. Er zeigt sich selbst.

Was an der Show auffällt, sind zwei Dinge. Erstens: Gemessen an gewohnten Sehmustern geht es auf der Bühne behutsam zu. Statt Schnelligkeit, Tempo und atemberaubenden Szenenwechseln liegt das Augenmerk auf Präzision und ein Leben lang trainierte Körperbeherrschung. In Glorious Bodies“ geht es nicht um Wettbewerb, um konkurrierende Höchstleistungen.

Zu sehen ist ein Gemeinschaftswerk. Wie beim Synchronschwimmen geht es um die Choreografie der Gruppe. Und miteinander verbunden sind die sechs Artist:innen in jeder Sekunde. Manchmal ist es nur eine Kopfdrehung oder ein Blick, die diese Aufmerksamkeit füreinander zeigen.

Herzerwärmend (heartwarming) hat Hendrik Frobel das Eröffnungsstück der PLAY-Reihe im Chamäleon genannt. Noch bis zum 22. Februar sind die neun Kompanien bei PLAY in Berlin zu Gast.

Andrei Schnell