Öffentliche Werkstattpräsentationen - Tag 4 vom Come Closer Zirkustagebuch

Öffentliche Werkstattpräsentationen - Tag 4 vom Come Closer Zirkustagebuch

Willkommen zum Zirkustagebuch aus dem „Come Closer Lab“ beim CircusDanceFestival. Während des CircusDanceFestival 2026 begleitet die Artistin und Zirkusjournalistin Swantje Kawecki das Forschungsformat „Come Closer Lab“ mit einem persönlichen Zirkustagebuch. Zwischen Probenmomenten, Begegnungen, Fragen an das Publikum und künstlerischen Experimenten entstehen tägliche Einblicke aus der Innenperspektive einer Artistin. Das Tagebuch verbindet Beobachtung, Reflexion und Atmosphäre – nah am Prozess, nah an den Menschen und nah an der Frage, wie Nähe im zeitgenössischen Zirkus entstehen kann. Das „Come Closer Lab“ untersucht gemeinsam mit Künstler:innen aus Katalonien und Köln/NRW neue Formen der Begegnung zwischen Publikum und Performance.

"Nach und nach entstehen erste gemeinsame Aktionen, oft ohne viel zu sprechen. Statt klarer Aufgaben oder fester Abläufe entwickelt sich der Raum durch Reaktionen aufeinander und auf die vorhandenen Objekte." (Foto: Franzi Schardt/CDF 2026)

Tag 4

Öffentliche Werkstattpräsentationen im Come Closer Lab

Sowohl gestern als auch heute Nachmittag finden öffentliche Werkstattpräsentationen statt – Einblicke in unfertige Arbeiten und laufende Prozesse. Für viele der Projekte sind genau diese Momente entscheidend. Gerade bei partizipativen Formaten lässt sich vieles nicht im Voraus planen. Erst wenn tatsächlich Publikum im Raum ist, zeigt sich, was funktioniert. Wie Menschen auf Einladungen reagieren. Welche Dynamiken entstehen. Und ob sich eine Situation wirklich offen anfühlt – oder eher wie eine Aufgabe.

An beiden Tagen wird das gesamte Gelände des Kreationszentrums zum Aufführungsort. Wie bei einem kleinen Rundgang wird das Publikum von den Künstler:innen von Situation zu Situation geführt. Gestern lag der Fokus noch auf vier einzelnen Soloprojekten. Heute vermischen sich Solos mit einem kollektiven Format, das erst am selben Vormittag gemeinsam entwickelt wurde.

Gearbeitet wurde dabei mit Begriffen wie Hierarchie, Macht, Risiko und Zugänglichkeit. Außerdem ging es um sogenannte „unsichtbare Performances“ – Situationen im öffentlichen Raum, die nicht sofort als Aufführung erkennbar sind. Momente also, in denen Menschen vielleicht längst Teil einer Performance geworden sind, ohne zu wissen, dass sie gerade zuschauen oder mitmachen. Aus diesen Themen entsteht im Laufe des Vormittags eine gemeinsame Struktur, in die das Publikum am Nachmittag hineingeführt wird.

Noch während die vorherige Aufführung läuft, beginnt bereits der Übergang in das kollektive Format. In einem passenden Moment wird unbemerkt ein Handy in die Seitentasche einer Person aus dem Publikum gesteckt. Erst deutlich später beginnt das Telefon zu klingeln. Die Person nimmt den Anruf entgegen und erhält Anweisungen von einer nicht sichtbaren Person am anderen Ende der Leitung, die anschließend an die Gruppe weitergegeben werden. Ohne Vorbereitung und ohne zu wissen, was genau passieren wird.

Spannend ist dabei vor allem zu beobachten, wie schnell sich die Atmosphäre verändert. Erst Unsicherheit. Verwirrung. Dann Neugier. Die Person mit dem Telefon findet sich plötzlich mitten in einer performativen Situation wieder und übernimmt gleichzeitig Verantwortung für die Gruppe.

Schließlich wird das Publikum aufgefordert, zur naheliegenden Fläche zu gehen: Schwarzer Tanzboden. Überall Objekte im Raum verteilt: kleine Tische, Stühle, Sitzkisten, Ventilatoren, Holzstäbe, Seile, Plastikfolie und ein Laptop mit Music Board. Ein Trapez liegt am Boden und hängt an einem Flaschenzug, ein weiteres Seil hängt von der Decke.

Die erste Aufgabe ist simpel: Schaut euch um. Was nehmt ihr wahr? Welche Menschen sind mit euch im Raum? Welche Objekte liegen herum?

Dann folgt die Einladung: Alles, was hier ist, darf benutzt werden. Die Performance beginnt, sobald jemand am Music Board Musik macht, und endet, wenn die Musik stoppt.

Was danach entsteht, ist eine kollektive Improvisation. Manche Menschen beginnen sofort Dinge auszuprobieren, andere beobachten zunächst die Situation und die Menschen um sich herum. Nach und nach entstehen erste gemeinsame Aktionen, oft ohne viel zu sprechen. Statt klarer Aufgaben oder fester Abläufe entwickelt sich der Raum durch Reaktionen aufeinander und auf die vorhandenen Objekte. Jemand zieht das Trapez nach oben, andere bauen mit Stäben und Folie eine Konstruktion.

Dabei wird sichtbar, wie unterschiedlich Menschen mit offenen Situationen umgehen. Wer nimmt sich Raum? Wer wartet lieber ab? Wer fühlt sich eingeladen zu spielen, auszuprobieren oder mit anderen in Interaktion zu treten? Gerade weil es keine eindeutigen Vorgaben gibt, entstehen viele dieser Entscheidungen intuitiv im Moment.

Die Situation erinnert stellenweise an frühere Formen des gemeinsamen Spielens – gemeinsam etwas bauen, ausprobieren und aufeinander reagieren, ohne genau zu wissen, wohin es führt. Genau darin liegt auch ein interessanter Aspekt partizipativer Formate: Sie haben das Potenzial, Situationen zu schaffen, in denen Erwachsene wieder ausprobieren dürfen und Kinder dazu ermutigt werden, Dinge einfach.

Als Tagesabschluss noch Stichworte der Künstler:innen zum Tag: Kreativität, Spannung, Experiment, kollektive Improvisation, Austausch, Nervenkitzel, Risiko und Müdigkeit, von allem etwas.

Swantie Kawecki