Publikum mitdenken - Tag 1 vom Come Closer Zirkustagebuch
Publikum mitdenken - Tag 1 vom Come Closer Zirkustagebuch
Willkommen zum Zirkustagebuch aus dem „Come Closer Lab“ beim CircusDanceFestival. Während des CircusDanceFestival 2026 begleitet die Artistin und Zirkusjournalistin Swantje Kawecki das Forschungsformat „Come Closer Lab“ mit einem persönlichen Zirkustagebuch. Zwischen Probenmomenten, Begegnungen, Fragen an das Publikum und künstlerischen Experimenten entstehen tägliche Einblicke aus der Innenperspektive einer Artistin. Das Tagebuch verbindet Beobachtung, Reflexion und Atmosphäre – nah am Prozess, nah an den Menschen und nah an der Frage, wie Nähe im zeitgenössischen Zirkus entstehen kann. Das „Come Closer Lab“ untersucht gemeinsam mit Künstler:innen aus Katalonien und Köln/NRW neue Formen der Begegnung zwischen Publikum und Performance.
Tag 1
Publikum mitdenken – Einblicke in die Arbeitsprozesse von Zirkuskünstler*innen beim Come Closer Lab in Köln
Wo fühlst du dich am stärksten? Wo fällt es dir leicht, mit Personen in Kontakt zu kommen? Und ist es derselbe Ort? Mit diesen beiden Fragen wurden wir, neun Künstler:innen aus Katalonien und NRW am Montagnachmittag im „Come Closer Lab“ des CircusDanceFestival über das Gelände beim Kreationszentrum Zeitgenössischer Zirkus in Kalk losgeschickt. Nach zehn Minuten kamen wir wieder zusammen und teilten die Orte und wieso wir sie für uns ausgewählt haben.
Wo fällt es dir leicht, mit Personen in Kontakt zu kommen? Mit dieser Einstiegsfrage beginnt der Montagnachmittag im „Come Closer Lab“ des CircusDanceFestival. Noch bevor wir über Stückentwürfe, Konzepte oder Publikum sprechen, geht es darum, miteinander ins Arbeiten zu kommen. Wahrnehmung zu teilen. Vertrauen aufzubauen. Gemeinsam herauszufinden, wie unterschiedlich Menschen Räume erleben – und wie viel Einfluss das auf die Publikumsinteraktion nimmt.
Zwei Wochenenden Circus Dance Festival liegen bereits hinter mir. Nach den City-Pop-Ups zum Einstimmen und einem Hauptwochenende auf dem Gelände des Latibul bei strahlendem Sonnenschein komme ich am Montag im Creation Centre Contemporary Circus in Köln-Kalk an. Vor mir liegen fünf Tage „Come Closer Lab“ – Lab als Kurzform für Laboratory. Also fünf Tage Künstler:innenlabor: ausprobieren, diskutieren, Fragen stellen, Rückmeldung geben, in den Austausch gehen.
Das „Come Closer Lab“ ist ein internationales Austausch- und Forschungsformat für zeitgenössischen Zirkus, Tanz und Performance. Passend zum diesjährigen Festivalthema der Publikumsbegegnung treffen sich hier Künstler:innen aus Katalonien und NRW, um gemeinsam neue Formen von Nähe, Interaktion und Beteiligung zu erforschen. Unter der Leitung der katalanischen Clownin und Tänzerin Diana Gadish und der Zirkusdramaturgin Jenny Patschovsky geht es nicht darum, fertige Stücke zu produzieren, sondern vielmehr darum, Ideen auszuprobieren, Prozesse sichtbar zu machen und voneinander zu lernen. Insgesamt neun Künstler:innen wurden Anfang des Jahres für diese Woche ausgewählt.
Was ist Partizipation? Wo fängt sie an und wie weit geht sie? Was bedeutet das für den Zirkus? Wie begegnen wir unserem Publikum? Und mit welchen Fragen kommen wir eigentlich in diese Woche?
Aber erstmal: kennenlernen und eine gemeinsame Arbeitsbasis schaffen. Schließlich geht es darum, unsere Projekte zu teilen und Ideen zu testen. Denn allein ist es schwierig, eine Performance zu entwickeln, die Publikum einbezieht, während dieses Publikum nur imaginär existiert. Dann lieber vorher ausprobieren – und zwar nicht nur ein oder zwei Mal. Über den gesamten Zeitraum einer Stückentwicklung braucht es immer wieder Testläufe, Menschen, die reagieren, Fragen stellen oder sich entziehen.
Um sich darüber gemeinsam auszutauschen und bei der Weiterentwicklung möglichst hilfreich zu sein, stellt Jenny eine Feedbackmethode vor, die sich an der sogenannten „DasArts-Methode“ anlehnt. Denn wenn es um partizipative Arbeiten geht, reicht ein Einfaches „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ oft nicht aus. Aus dieser Methode wurden drei Elemente ausgewählt. Als Erstes geht es darum zu benennen, was für einen funktioniert hat. Zum Beispiel: Für mich hat es funktioniert, dass in dem Raum zusätzlich zu den Spiegeln noch weitere Objekte standen.
Das klingt zunächst simpel, hat aber große Auswirkungen auf die spätere Erfahrung des Publikums. Denn der Ort, an dem eine Performance stattfindet, prägt maßgeblich die Wahrnehmung. Eine Theaterbühne fühlt sich anders an als eine Bar, eine U-Bahnstation anders als ein Zirkuszelt. Entsprechend beeinflussen auch Gegenstände oder Personen an diesem Ort das Geschehen.
Im nächsten Schritt kann formuliert werden, was aus einer bestimmten Perspektive noch gebraucht wurde. Das kann sowohl eine reale Person sein oder auch eine eher abstrakte Perspektive. Auch hier ein kleines Beispiel: „Als Sicherheitsbeauftragte:r brauche ich eine Alternative für das Risikomanagement.“ Oder: „Als Tisch hatte ich Angst, kaputtzugehen.“
Abschließend können offene Fragen gestellt werden – also Fragen, die sich nicht mit Ja oder Nein beantworten lassen. Diese Feedbackmethode zielt darauf ab, Künstler:innen konstruktiv weiterzuhelfen und Rückmeldungen wie „Finde ich gut“ oder „Finde ich nicht so gut“ zu vermeiden. Denn es geht weniger um Meinungen als darum, sich gegenseitig im Prozess zu unterstützen.
In den nächsten Tagen wird weiter ausprobiert, verworfen, diskutiert und getestet. Dafür gab bereits notwendige Rigging-Vorbereitungen, erste Sharings von bisherigen Zwischenständen und intensive Auseinandersetzungen mit Fragen rund um Partizipation – doch davon morgen mehr.
Swantie Kawecki