Runners: Im Rhythmus des Laufbands

Berlin

Runners: Im Rhythmus des Laufbands

Runners, das 60-Minuten-Stück der Kompanie Hippana.Maleta, lebt von Takt, Rhythmus und Endlosschleife. Zwei Laufbänder und ein experimentierfreudiger Musiker zwingen zwei Jongleuren eine unbarmherzige Gleichmäßigkeit auf. Für den Zuschauer ist das spannend. Ein Besuch im Berliner Chamäleon.

"Jongleur Alex Allison sagt, er und sein Mitstreiter Jonas Schiffauer haben sich von Charlie Chaplins „Modern Times‟ inspirieren lassen." (Foto: Bernadette Fink)

Der Schlag der Trommel macht von der ersten Sekunde an klar, wer in „Runners‟ den Takt vorgibt. Mit langsamen rhythmischen Schlägen bringt Musiker Moíses Mas García zwei Jongleure in leichte Bewegungen, mit wildem Trommelwirbel versetzt er die beiden in ekstatische Verrenkungen, bevor ein kurzer harter Schlag die beiden wie ein Pistolenschuss umfallen lässt. So führt das Vorspiel in die Handlung ein.

Dann beginnt das Stück. Der Musiker rollt zwei Laufbänder an den vordersten Rand der Bühne. Sind sie eine Art Gefängnis? Oder sind es zwei Maschinen, wie sie im 20. Jahrhundert üblich waren? Als sich die Rationalisierung den Menschen zum Untertanen machte? Fließband hieß das damals. Jongleur Alex Allison sagt, er und sein Mitstreiter Jonas Schiffauer haben sich von Charlie Chaplins „Modern Times‟ inspirieren lassen. Deshalb gibt es in „Runners‟ neben dem Drama der Gleichmäßigkeit auch eine komische Seite.

„Runners ist das zweite Stück der Kompanie Hippana.Maleta. Die Kompanie gründete sich 2018." (Foto: Andrei Schnell)

Die Idee zu Runners hatten Alex Allison und Jonas Schiffauer im Dezember 2020, wie die beiden nach der Show an der Bar erzählen. Alex habe zu Jonas gesagt, wir müssten etwas mit Laufbändern machen. Von diesem Startpunkt aus entwickelte sich die einstündige Show mit zwei Jongleuren in 80er-Jahre Joggingjacken. Entstanden ist ein Stück, in dem es nicht darum geht, dem Publikum zu beweisen, dass die Jongleure mehr Bälle in der Luft halten können als die Kolleg:innen. In Wahrheit sind es sogar nur wenige Bälle, die gleichzeitig fliegen. Und nicht selten bleiben sie am Mann, rollen über Rücken, Schultern, Arme.

Das Unerwartete sind die präzisen Bewegungen, die einer ausgetüftelten Choreographie folgen und auf den Takt exakt abgestimmt sind. So legen die beiden Jongleure fein säuberlich den letzten weißen Ball in dem Moment vor ihren Füßen ab, in dem die Musik den letzten Schlag macht. Trotzdem vergisst die Show nicht, dass die Zuschauer:innen die alte Frage im Kopf haben, die seit Urbeginn zum Zirkus dazugehört: Schafft der Artist das? Abgewandelt auf „Runners‟: Halten die beiden mit Jonglieren durch, auch wenn das Laufband immer schneller wird? Werden sie aus der Puste kommen, wenn das Laufband scheinbar gar nicht mehr anhalten will – selbst beim Szenenapplaus nicht?

„Was mit Kieksigkeiten anfängt, endet im Western-Duell." (Foto: Bernadette Fink)

Interessant ist, dass es in der Show nicht ausschließlich um den Gegensatz zwischen Herrscher und Untertan geht, um Freiheit und Gefangenschaft im Alltagstrott, um Abhängigkeit und Aufbegehren. Es geht auch um die Beziehungskiste zwischen den beiden Jongleuren. Was mit Kieksigkeiten anfängt, endet im Western-Duell. Stark ist das Duo immer dann, wenn die Abläufe der Handbewegungen immer komplexer werden. Insgesamt ist „Runners‟ eine abwechslungsreiche, packende Show, die gut unterhält.

Im Berliner Chamäleon auf der Bühne stehen und jonglieren konnte Alex Allison wegen einer Knieoperation nicht. Eingesprungen Pieter Visser. Inklusive der Auftritte im Berliner Chamäleon hat er in „Runners‟ zehn Mal ausgeholfen. In der Reihe PLAY, die noch bis Mitte Februar in den Hackeschen Höfen läuft, war „Runners‟ an drei Abenden (17./18./19. Januar) zu sehen. „Runners‟ ist das zweite Stück der Kompanie Hippana.Maleta. Die Kompanie gründete sich 2018. Ihre erste Show hieß „Tunnel‟. Die aktuelle Produktion förderte das Bündnis Zirkus On.

Andrei Schnell