Sei, wer du bist – solange du es noch kannst: Carnivale Royale in Berlin
Carnivale Royale Berlin
Sei, wer du bist – solange du es noch kannst: Carnivale Royale in Berlin
Die Show Carnivale Royale ist ein Fest der Verkleidung, der Verwandlung und des Drag. Die Amsterdamer Kompanie House of Circus gastiert mit ihr zwei Monate lang im Berliner Chamäleon und zelebriert die Lust am „Sei, wer du wirklich bist“. Eine Show, die aufgrund politischer Entwicklungen, vielleicht nicht mehr lange wie selbstverständlich zur Palette möglicher Aufführungen gehört.
Ein Gastgeber leitet in einem blauen Funkelkleid durch die Show, ein Bühnentechniker zupft an seinem Minirock und ein Hula-Hoop-Spieler, der die berühmte Anita Berber auferstehen lässt, tanzt in einem roten Kleid. Die Show Carnivale Royale im Berliner Chamäleon ist ein Fest der Verwandlung. Hier ziehen sich männlich gelesene Personen nicht einfach „Frauensachen“ an, hier sind Männer für 70 Minuten Frauen. Drag nennt sich diese Kunstform.
In Carnivale Royale ist Drag mal barock überbordend, wenn beispielsweise ein Artist auf Stelzen gehend und in einem raumgreifenden, goldenen Reifrock gekleidet „I Look to You“ (Whitney Houston) singt. Mal ist die Drag-Verwandlung zurückhaltender.
"Es stehen Wahlen an, nicht nur in Berlin. Denken Sie daran, wie wichtig Miteinander, Respekt und Frieden sind!"
Anke Politz, Intendantin des Chamäleons
Die Spielstätte Chamäleon und die Amsterdamer Kompanie House of Circus beschreiben die Show Carnivale Royale so: „Drag-Kunst trifft zeitgenössischen Zirkus“. Dabei treten in der Show nicht durchgängig Männer im „Frauengewand“ auf. Dennoch wirkt der Drag-Anteil zentral. Nicht zuletzt deshalb, weil Gastgeber Nick van der Heyden aka Hayden sehr präsent ist. Mal tritt er als expressive Motorradfahrerin auf, deren bunter Lederanzug aufreißt. Ein anderes Mal ist er die charmante Grand Dame, die verschwörerisch ins Publikum flötet: „Isn’t it amazing?“
Der Wechsel von Verhalten und Aussehen der Geschlechter ist in der Show mal spielerisch und offensichtlich, dann wieder ernsthaft und versteckt. Letzteres ist der Fall, wenn Diana Salles (siehe Beitrag „Ich- oder Nicht-Ich“) am Vertikalseil auftritt. Sie hat ihren Kopf unter einem riesigen roten Tuch verborgen. Die Botschaft: Das Ich ist unklar, die auftretende Person verborgen. Möglicherweise ist das eine Anspielung darauf, dass das Verlassen gewohnter Geschlechterpfade nicht nur ein toller Spaß ist, sondern auch für Verunsicherung sorgen kann.
Im politischen Raum zeigt sich diese Verunsicherung immer deutlicher in der Zustimmung für einengende Parteien. Anke Politz, die Intendantin des Chamäleons, mahnt deshalb bei der Premiere am 12. Juni: „Es stehen Wahlen an, nicht nur in Berlin. Denken Sie daran, wie wichtig Miteinander, Respekt und Frieden sind!“ Denn der lockere Wechsel der Geschlechterrollen bedeutet für manche Befreiung und der Ruf „To-be-who-do-you-want-to-be“ ist für viele eine Erlösung. Doch es gibt auch jene, für die die Möglichkeit zum „You-can-express-yourself-however-you-want“ dem Öffnen der Büchse der Pandora gleichkommt. Deshalb wirkt Carnivale Royale wie die letzte Stunde in Freiheit, bevor die Ausgangszeit am Gefängnistor wieder endet. Gerade die große Bühne für queeres Leben selbstverständlich geworden. Nun sitzt die Furcht mit Publikum, das Ende dieser Befreiung könne nah sein.
"Carnivale Royale feiert im Chamäleon Berlin die erreichte Freiheit lustvoll, humorvoll und freudig."
Andrei Schnell, ZirkusPlus
Zurück zu Carnivale Royale. Die Show feiert die erreichte Freiheit lustvoll, humorvoll und freudig. Der Titel Karneval ist gut gewählt, denn der Kern des Karnevals ist seit fünftausend Jahren die Gleichheit und die Gleichberechtigung. Schon im Altertum wurde einer Schrifttafel zufolge ein Fest gefeiert, bei dem „für sieben Tage die Sklavin ihrer Herrin gleichgestellt war und der Sklave an der Seite seines Herrn ging“. Gleichheit als Ausnahme ist seitdem das Motto aller karnevalistischen Feste. Ist diese Zeit der Ausnahme schon wieder vorbei?
Intendantin Anke Politz sagt, dass sich das Chamäleon für House of Circus und deren Show Carnivale Royale entschieden habe, „weil wir endlich Queer und Drag auf die Bühne bringen wollten“. Ein Satz, bei dem es nicht unfair ist, das Wörtchen „endlich“ so zu interpretieren: „Solange wir es noch können.“
In Berlin hat Carnivale Royale die besten Voraussetzungen, ein Erfolg zu werden. Denn die Metropole ist mit hunderttausenden Teilnehmern die Hauptstadt der Christopher-Street-Days. Und im Mai feierten unzählige Menschen beim Karneval der Kulturen die Vielfalt. Im berühmten Regenbogenkiez am Nollendorfplatz schlägt das Herz der Drag-Bar-Kultur der Hauptstadt. In diese Szene ordnet sich Carnivale Royale als klassische Drag-Queen-Show ein. Es gibt eine Host, die ihren unterschiedlichen Gästen mit verschiedenen Künsten eine Bühne gibt. Längere Umbaupausen überbrückt die Host mit einem Quiz und sorgt stets dafür, dass das Publikum auf 70 Minuten Abwechslung vertrauen darf. Mal ist sie politisch ernst, dann wieder ist Zeit für einen Slapstick.
Der Abend im Chamäleon lohnt sich dabei für alle. Denn am Ende geht es in Carnivale Royale auch um meisterhafte Artistik, die von herausragenden Akrobat:innen präsentiert wird. Noch bis zum 4. August besteht die Gelegenheit, sich die Drag-Show anzusehen. Und nach zwei Aufführungen lädt das Chamäleon zusätzlich zur anschließenden Late-Show-Party ein. Oder zum Tanz auf dem Vulkan.