Was bleibt nach einer Woche Come Closer Lab? - Tag 5 vom Come Closer Zirkustagebuch
Was bleibt nach einer Woche Come Closer Lab? - Tag 5 vom Come Closer Zirkustagebuch
Willkommen zum Zirkustagebuch aus dem „Come Closer Lab“ beim CircusDanceFestival. Während des CircusDanceFestival 2026 begleitet die Artistin und Zirkusjournalistin Swantje Kawecki das Forschungsformat „Come Closer Lab“ mit einem persönlichen Zirkustagebuch. Zwischen Probenmomenten, Begegnungen, Fragen an das Publikum und künstlerischen Experimenten entstehen tägliche Einblicke aus der Innenperspektive einer Artistin. Das Tagebuch verbindet Beobachtung, Reflexion und Atmosphäre – nah am Prozess, nah an den Menschen und nah an der Frage, wie Nähe im zeitgenössischen Zirkus entstehen kann. Das „Come Closer Lab“ untersucht gemeinsam mit Künstler:innen aus Katalonien und Köln/NRW neue Formen der Begegnung zwischen Publikum und Performance.
Tag 5
Was bleibt nach einer Woche Come Closer Lab?
Es ist Freitag und damit der letzte Tag des Labs. In der großen Halle des Kreationszentrums für zeitgenössischen Zirkus in Köln-Kalk beginnt der Morgen mit einem gemeinsamen Aufwärmen, angeleitet von Diana Gadish. Nach vier intensiven Tagen ist die Müdigkeit spürbar. Eine kleine kollektive Massage, hilft dabei, Körper und Aufmerksamkeit wieder zu aktivieren. Zwei Wahrnehmungs- und Reaktionsspiele später ist die Gruppe wach und bereit für den letzten gemeinsamen Arbeitstag.
Wir wechseln in das kleinere Studio. An den Wänden hängen große Papierbögen mit Notizen, Beobachtungen und Fragen aus der Woche. Wie eine kleine Ausstellung dokumentieren sie die Themen, die die Gruppe in den vergangenen Tagen beschäftigt haben. Die Reflexionsrunden wurden während der gesamten Woche von Jenny Patschovsky angeleitet und festgehalten. So sind nach und nach Sammlungen von Gedanken, Erfahrungen und Fragestellungen entstanden, auf die wir nun zum Abschluss gemeinsam zurückblicken.
Bevor es um den Gesamtwochenrückblick geht, wird sich über die öffentlichen Werkstattpräsentationen ausgetauscht. Denn erst wenn Publikum im Raum ist, zeigt sich, wie eine Arbeit gelesen, erlebt und mitgestaltet wird. Viele der Fragen, die während der Woche diskutiert wurden, konnten dort praktisch erprobt werden.
Dabei bestätigt sich einmal mehr, wie entscheidend scheinbar kleine Faktoren für die Beteiligung von Publikum sein können. Immer wieder wird über Klarheit gesprochen: Wie formulieren wir eine Einladung? Welche Sprache verwenden wir? Welche Begriffe sind allgemein verständlich, und welche stammen aus dem fachspezifischen Wortschatz der darstellenden Künste? Wie viele Informationen braucht ein Publikum, um sich orientieren zu können – und ab welchem Punkt werden es zu viele?
Zwischen zu viel und zu wenig Information liegt ein sensibles Gleichgewicht. Zu viele Erklärungen können überfordern und Aufmerksamkeit zerstreuen. Zu wenige Informationen können Unsicherheit erzeugen. Dazwischen liegt die Frage, worauf der Fokus gelenkt werden soll. Ist das Publikum vor allem mit der eigenen Erfahrung beschäftigt? Mit anderen Menschen im Raum? Oder mit dem Geschehen auf der Performanden? Die Gruppe spricht deshalb immer wieder über drei Begriffe, die sich durch viele der Arbeiten ziehen: Klarheit, Einfachheit und Fokus.
Von dort aus führt die Reflexion zurück zu den Themen, die bereits am Vortag gesammelt wurden: Zugänglichkeit, Hierarchie und unsichtbare Performance. Nach einer Woche gemeinsamer Recherchen zeigen sich die ersten beiden Begriffe eher als Anfang einer längeren Untersuchung als als abgeschlossene Themen. Die Gespräche über Hierarchie machen diese Bandbreite besonders sichtbar.
Auf der einen Seite stehen Aufführungsformate, wie man sie aus dem klassischen Literaturheater kennt: Publikum und Performance sind räumlich voneinander getrennt, die Rollen klar verteilt. Die Künstler:innen gestalten die Situation und tragen die Verantwortung, während das Publikum zuschaut.
Auf der anderen Seite stehen Arbeiten, in denen diese Trennung zunehmend aufgehoben wird. Das Publikum wird Teil von Entscheidungsprozessen, übernimmt Verantwortung oder gestaltet das Geschehen mit. Dazwischen liegen unzählige Abstufungen und Mischformen. Gleichzeitig zeigt sich – wie bereits in den Werkstattpräsentationen der vergangenen Tage zu beobachten war –, dass Hierarchien nicht nur zwischen Publikum und auftretenden Personen entstehen. Auch innerhalb einer Gruppe gibt es Unterschiede. Wer ist überhaupt da? Wer nimmt sich leichter Raum? Wem wird Verantwortung zugetraut? Und wer traut sie sich selbst zu?
Eng damit verbunden ist die Frage nach Zugänglichkeit. Die Reflexionen der Woche zeigen, dass Beteiligung nicht allein durch die Möglichkeit zur Teilnahme entsteht. Sie hängt auch davon ab, ob Menschen sich angesprochen fühlen und ob sie ausreichend Orientierung bekommen, um eigene Entscheidungen treffen zu können.
Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum dritten Themenfeld: der unsichtbaren Performance. Wann beginnt eine Performance? Und wie verändern sich Wahrnehmung und Verhalten, wenn die Grenzen zwischen Alltag und Performance verschwimmen? Die Woche hat auf diese Fragen durchaus mögliche Antworten hervorgebracht – gleichzeitig aber auch neue Perspektiven und weitere Fragen geöffnet. Gerade darin lag für viele der Wert des gemeinsamen Forschens: Zusammenhänge sichtbarer zu machen und die eigene Praxis aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Gleichzeitig weckte die letztlich doch kurze Zeit ein leises Gefühl der Frustration, denn die Tage vergingen einfach zu schnell. Tiefergehende Recherche braucht letztendlich doch mehr Zeit. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass der Austausch an anderer Stelle Früchte tragen wird.
Daran schließt eine weitere Frage an: Was brauchen wir als Künstler:innen eigentlich, um zu forschen? Und warum wird Forschung so häufig unmittelbar an die Entwicklung eines konkreten Stücks gekoppelt? Dahinter verbirgt sich auch eine strukturelle Frage. Im Arbeitssalltag der freien darstellenden Künste wird Zeit für Recherche und Austausch oft erst dann finanziert oder legitimiert, wenn am Ende ein konkretes Ergebnis im Sinne einer Bühnenarbeit steht. Offene Forschungsprozesse ohne unmittelbaren Produktionsdruck sind dagegen vergleichsweise selten.
Die Erfahrungen der vergangenen Tage zeigen jedoch, was entstehen kann, wenn dafür Raum geschaffen wird.
Nach fünf Tagen Come Closer Lab scheint zumindest eines deutlich zu werden: Forschung kann auch genau das sein. Nicht jede Erkenntnis muss unmittelbar in einer Produktion landen. Nicht jede Frage braucht am Ende der Woche eine Antwort. Manchmal entsteht der Wert eines solchen Formats gerade darin, Zeit für Austausch zu schaffen. Zeit, um Dinge auszuprobieren, die im Produktionsalltag oft keinen Platz finden. Zeit, um gemeinsam auszuprobieren.
Kooperationen wie die zwischen dem katalanischen Berufsverband APCC (Associació de Professionals de Circ de Catalunya) und Deutschland zeigen, wie internationale Vernetzung im zeitgenössischen Zirkus konkret ermöglicht werden kann und wie wichtige Verbindungen hergestellt werden können. Zu dieser Kooperation gehört auch dieses Künstler:innenlabor. Das „Come Closer Lab” ist demnach Teil dieser größeren Initiative und basiert auf einer langfristig angelegten Zusammenarbeit zwischen Akteur:innen aus Katalonien und Deutschland. Die Möglichkeit, fünf Tage lang gemeinsam zu forschen, Erfahrungen auszutauschen und unterschiedliche künstlerische Perspektiven zusammenzubringen, ist damit auch Ergebnis einer kulturpolitischen Förderung, die internationale Begegnungen und Wissenstransfer ausdrücklich als Teil künstlerischer Entwicklung versteht.
Mit dem Ende des Labs nehmen die Teilnehmenden nicht nur neue Perspektiven und offene Fragen mit, sondern auch wertvolle Begegnungen. In der Woche haben sich Verbindungen zwischen den Künstler:innen Andrea Rodríguez de Liébana, Oriol Borràs, Romi Okewu, Christoph Rummel, Sophie Núñez Rodríguez, Katell Boudrandi-Saj, Victoria Sickness, Laia Picas Rodoreda und Swantje Kawecki entwickelt. Durch die Begleitung von Jenny Patschovsky und Diana Gadish entstand dabei ein gemeinsamer Raum für Austausch, Forschung und gegenseitige Unterstützung. Hinzu kommen neue Kontakte zum Team des CircusDanceFestivals, zum Kreationszentrum Zeitgenössischer Zirkus Köln und auch zu einigen Menschen aus dem Publikum – Verbindungen, die diese Woche geprägt haben und noch über das Come Closer Lab hinaus weiterwirken werden.
Swantie Kawecki