Runde Weidenkörbe, Vulva, sechster Zeh: Zirkus als Geschlechter-Experiment

ATOLL Festival 2026

Runde Weidenkörbe, Vulva, sechster Zeh: Zirkus als Geschlechter-Experiment

Beim Atoll Festival in Karlsruhe dekonstruiert Àfrica Llorens in „Foradada“ Geschlechterbilder, mit Weidenkörben, angeklebten Körperteilen und einem sprechenden Penis. Ein roher, mutiger Abend zwischen Komik und Schmerz, der nicht immer klar, aber konsequent ist.

África Llorens / Cie Moll del'Os | Foradada | ATOLL Festival Karlsruhe 2026
Foto: | Àfrica Llorens der Cie. Moll del'Os („Kompanie Kochenmark“)

Àfrica Llorens steht auf der Bühne, sagt, „I don’t want to be always ready” und dann, auf Deutsch, „Ich wäre gern schrumpelig.“ Kurz zuvor hat Llorens sich das Mikrofon aus der Unterhose geholt, es sieht fleischig und unförmig aus. Diese Sätze sind keine Selbstaussage, es sind Geständnisse eines Penis, dem Llorens die Chance gibt, einmal Wahrheiten auszusprechen.

 

Àfrica Llorens und das Stück Foradada sind eine von drei katalanischen Zirkusproduktionen auf dem Atoll Festival. Der katalanisch-deutschen Austausch im Rahmen des Meridian Programms ist Teil der Internationalisierungsstrategie des katalanischen Zirkusförderplans 2023–2026. Auf mehreren Ebenen soll im bilateralen Austausch eine Grundlage für zukünftige Zusammenarbeit geschaffen werden. Nach Kooperationen mit dem Circus Dance Festival in Köln und dem Berlin Circus Festival folgt nun als letzte namenhafte Station das Atoll Festival in Karlsruhe. Neben der Einbindung lokaler Künstler*innen liegt dem Festival, wie man am Meridian Programm erkennen kann, auch internationale Vernetzung am Herzen. Seit nun acht Jahren zeigt das Atoll Festival zeitgenössischen Zirkus mit dem Anspruch am Puls der Zeit zu bleiben. Foradada passt dazu.

"Der Körper ist veränderbar, der Körper ist willkürlich und das ist gut so. Aber es tut auch weh."

Aus dem Programmheft erfährt man, dass das Stück auf einer Legende rund um den Roca Foradada basiert („durchlöcherter Berg“ oder „Berg mit Loch in der Mitte“). Die Legende besagt, wer es schafft, den Berg mit einem Korb voll Wasser zu überqueren, ohne einen Tropfen zu verschütten, wird von Mann zu Frau, oder von Frau zu Mann. Das klingt auf mystische Weise schon nach der Fluidität von Gender und dem Aufbrechen des binären Geschlechtssystems. Das klingt nach Judith Butler, nach Gender Performativität: Geschlecht wird gemacht und ist keine biologische Wahrheit. Àfrica Llorens greift diesen Ansatz auf.

Das Bühnenbild ist minimalistisch. Weidenkörbe sind über die Fläche verteilt, im Hintergrund steht ein Spiegel mit Holzrahmen und zwischen Bühne und Publikum liegen mehrere meterlange Bögen aus zusammengebundenen Zweigen. Die Weidenzweige bestimmen die visuelle Ästhetik des Raumes. Als Hauptbestandteil des Bühnenbildes und spielbestimmendes Material erzählen sie viel, ehemals biegsame nun in knarzende Formen gezwängte Zweige: eine Allegorie für die starren Zuschreibungen der Gesellschaft auf die eigene Geschlechtsidentität? Die Legende im Hinterkopf klingt das nicht allzu weithergeholt.

Im Inneren der Körbe sind Kontaktmikrofone angebracht. Unter der Balance und dem Gewicht Llorens übertragen sie die Schwingungen des erstarrten Materials. Es klingt als würde etwas aufbrechen und der Korb verliert ein Stück seiner Starrheit.

Die Zirkustechnik beschränkt sich auf wenige, dem Narrativ dienliche Momente. Ansonsten lebt das Stück vom körperlichen Ausdruck Llorens, der etwas Rohes, auf sich selbst zurückgeworfenes hat. Ein Großteil des Stücks ist Llorens bis auf die Unterhose nackt. Diese Nacktheit wird durch die Neuzusammensetzung von Körperteilen umso mehr ausgestellt. Ein angeklebter sechster Zeh, eine auf die Brust geklebte Vulva, ein Ohr über dem Bauchnabel. Der Zeh wird beim Schuhe anziehen vom Fuß gebrochen, die Vulva in einer raschen Bewegung vom Körper abgerissen. Das sind körperliche Transformationen zwischen Komik und Schmerz, Momente, die sagen: der Körper ist veränderbar, der Körper ist willkürlich und das ist gut so. Aber es tut auch weh.

Nur das Ohr auf dem Bauchnabel verbleibt, wie selbstverständlich, am Körper. Kein Drittes Auge, ein drittes Ohr. Ein übersinnliches Wahrnehmungsorgan fürs Bauchgefühl? Ein Appell zum Zuhören? Dieses kleine Geheimnis lässt das Stück unentschlüsselt stehen.

"Denn Körper sind in den meisten Fällen vor allem eines: nicht allein."

Das Publikum sieht einen Körper, der sich selbst berührt, mal zärtlich mal widerwillig. Einen Körper, der sich im Spiegel anschaut, sich schminkt, sich immer wieder versteckt.

Dabei werden zahlreiche Geschlechtsmarker dekonstruiert. Hochhackige Schuhe werden an und ausgezogen (da bricht der Zeh!), Schminke verhilft zu einer neuen Ausdrucksform.

Die Figur, die in diesem Körper steckt, ist auf der Suche und in seinen unklarsten Momenten macht auch das Stück selbst den Anschein, kein übergeordnetes Strukturprinzip zu haben. Inhaltlich ist das nur konsequent, dramaturgisch ergeben sich dadurch mitunter Längen und Unklarheiten.

Im letzten Drittel wird konsequenterweise der Kontakt zum Publikum gesucht. Denn Körper sind in den meisten Fällen vor allem eines: nicht allein. Erst sucht Llorens den Dialog. Mit Penismikro. Auf deutsch.„Alles gut?“ Als Antwort zögerliches Nicken, Lächeln. Danach wird das Publikum auf die Bühne gebeten. Mithilfe der Bögen aus Zweigen entsteht ein gemeinsamer Schutzraum.

Àfrica Llorens beendet das Stück mit einer winzigen Handbewegung, die anzeigt, dass es jetzt vorbei ist. In dieser beinahe schüchternen Geste meint man schon den Privatmensch hinter der Bühnenfigur zu erkennen. Ob mit Absicht oder nicht ist das ein sehr passendes Ende, in dem eine weitere künstliche Trennung aufgehoben wird. Nach knapp 50 Minuten sind alle über den Berg, Korb mit Wasser inklusive. Irgendwas verschüttet?

Lukas Arndt für ZirkusPlus

Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans (2023 – 2026) vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und vom Institut Ramon Llull (IRL) sowie dem Katalanischen Institut für Kulturunternehmen (Institut Català de les Empreses Culturals, ICEC) des katalanischen Kulturministeriums unterstützt.  Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).