Wenn sich Zirkus-Ökosysteme berühren: Katalonien beim Berlin Circus Festival 2026

Berlin Circus Festival 2026

Wenn sich Zirkus-Ökosysteme berühren: Katalonien beim Berlin Circus Festival 2026

Das Berlin Circus Festival legt in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf den katalanischen Zirkus. Mit der Präsentation eines Gastlandes fügt das Festival seinem bewährten Format einen neuen Akzent hinzu. Unberührt bleibt das Bewährte: Das Festival stellt einem breiten Publikum an zwölf Tagen in einem eigens eingerichteten Zirkuszelt-Dorf die internationale Welt des Zirkus vor.

Berlin Circus Festival 2026
Foto: Andrei Schnell

Zeitgenössischer Zirkus ist international. So geben beispielsweise zwei Kompanien beim Berlin Circus Festival als Herkunftsland „International“ an. Doch trotz ihrer weltoffenen Arbeitsweise sind Kompanien angewiesen auf ein regional verwurzeltes Ökosystem aus Spielstätten, Proberäumen, Publikum, Förderern, Lobby-Institutionen und vielem mehr.

In dieser Perspektive ist es sinnvoll, dass die Organisatoren des international aufgestellten Berlin Circus Festivals sich in diesem Jahr einen regionalen Schwerpunkt überlegt haben. „Fokus Katalonien“ haben Josa Kölbel und Johannes Hilliger diesen Akzent genannt. Diese Idee ist vergleichbar mit der Nennung eines Gastlandes, wie es nicht zuletzt die Leipziger und Frankfurter Buchmesse seit Jahren tun.

Beim 12. Berlin Circus Festival ist die Nennung eines Gastlandes mehr als eine Geste. Katalonien ist im Programm stark vertreten, gleich vier katalanische Kompanien haben Josa Kölbel und Johannes Hilliger eingeladen. Das ist unter den 18 Kompanien die größte Anzahl an Kompanien aus einem einzelnen Land.

Die Bezeichnung „katalanischer Zirkus“ zielt weder auf vermeintlich inhaltliche noch auf angeblich stilistische Besonderheiten. Eine Kompanie ist dann katalanisch, wenn „das Stück in Katalonien kreiert wurde“, sagt Juliette Beaume. Sie ist Koordinatorin des beim katalanischen Verband der Zirkussschaffenden (APCC) angesiedelten Programms Meridian(s). Die katalanischen Förderinstitutionen Institut Ramon Llull und Institut Català de les Empreses Culturals (ICEC ) finanzieren diesen Austausch zwischen den Zirkus-Ökosystemen Kataloniens und Deutschlands. Man könnte poetisch sagen: Dank Meridian(s) berühren sich beim Berlin Circus Festival die Circus-Welten aus Katalonien und Berlin.

"Man könnte poetisch sagen: Dank Meridian(s) berühren sich beim Berlin Circus Festival die Circus-Welten aus Katalonien und Berlin."

Da mit der Bezeichnung „katalanischer Zirkus“ keine stilistische Einordnung vorgenommen wird, überrascht es nicht, dass die vier beim Berlin Circus Festival gezeigten katalanischen Stücke sehr unterschiedlich sind. Unter ihnen sind Einpersonen-Shows, in anderen wirken Kollektive zusammen. Eine Show ist komisch, eine andere bewegt tiefgreifende Fragen, wie die nach Realität und Wahrnehmung.

Den Anfang unter den vier gezeigten Beiträgen des „Fokus Katalonien“ machte „Clam“. Die dreiköpfige Kompanie Fèmut zeigte ein Stück, das in Zelt und auf der Bühne nur schlecht funktionieren würde und den freien Himmel braucht. Es ist eine Show für die Straße. Die drei Artist:innen starten damit, mit Kreide einen Kreis zu ziehen, der den Zirkusraum erzeugt. Diese Erschaffung einer Manege aus dem Nichts erfolgt selbstverständlich akrobatisch. Die drei Artist:innen ziehen den Kreidekreis, indem sie einen menschlichen Zirkel errichten. Dabei hängt eine Artistin als Zirkelschenkel rund drei Meter in der Höhe.

„Clam“ benötigt nur sehr wenige Hilfsmittel. Lediglich einen chinesischen Mast haben die drei Artist:innen mitgebracht. Sie setzen den Chinese Pole während der Show aus Einzelteilen zusammen. Diesen Mast trägt ein Artist an einem „Perche-Gürtel“, der am Körper getragen wird.

Sobald die Stange nicht mehr gebraucht wird, kann die gesamte Konstruktion innerhalb von Sekunden auseinandergezogen und zur Seite gelegt werden. Theoretisch könnte Fèmut zu Fuß oder mit dem Bus zu ihren Aufführungsorten kommen und somit tatsächlich überall auftreten. Der Name Fèmut leitet sich übrigens vom katalanischen Ausdruck fem-ho ab und bedeutet so viel wie „Lass es uns machen“. In Klammern: Ohne viele Umstände.

"Das Berlin Circus Festival ist ein eingespieltes Event. Und dabei eines, das Raum für neue Akzente findet."

Wie erfolgreich man mit dem Motto „Einfach mal machen“ sein kann, das hat das Berlin Circus Festival mit seiner Entwicklung bewiesen. Die diesjährige 12. Ausgabe knüpft mit 50 Aufführungen von 18 Kompanien und erwarteten 14.000 Zuschauern an die Rekordausgabe des letzten Jahres an.

Mit diesen Zahlen ist das Berlin Circus Festival ein Schwergewicht in der Festivalszene und befindet sich auf Augenhöhe mit dem Atoll-Festival in Karlsruhe, dem Dresdner Zirkustheater-Festival oder dem Hamburger Fringify.

Die besondere Atmosphäre, von der das Festival nicht zuletzt lebt, entsteht durch seinen Standort. Statt einer Spielstätte nutzt es das Tempelhofer Feld. Auf diesem ehemaligen innerstädtischen Flughafen, der von den Berlinern auch liebevoll Tempelhofer Freiheit genannt wird, errichtet das Festival für eine kurze Zeit ein Dorf aus Zirkuszelten. In diesem Jahr sind es vier Zelte. Das ist eines mehr als 2025. Hinzukommt ein Platz für Aufführungen unter freiem Himmel, bei denen die Zuschauer auf einer Holztribüne sitzen.

Kurzfazit: Das Berlin Circus Festival ist ein eingespieltes Event. Und dabei eines, das Raum für neue Akzente findet.

Andrei Schnell

Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans (2023 – 2026) vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und vom Institut Ramon Llull (IRL) sowie dem Katalanischen Institut für Kulturunternehmen (Institut Català de les Empreses Culturals, ICEC) des katalanischen Kulturministeriums unterstützt.  Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).