Wer entscheidet hier eigentlich? - Tag 3 vom Come Closer Zirkustagebuch

Wer entscheidet hier eigentlich? - Tag 3 vom Come Closer Zirkustagebuch

Willkommen zum Zirkustagebuch aus dem „Come Closer Lab“ beim CircusDanceFestival. Während des CircusDanceFestival 2026 begleitet die Artistin und Zirkusjournalistin Swantje Kawecki das Forschungsformat „Come Closer Lab“ mit einem persönlichen Zirkustagebuch. Zwischen Probenmomenten, Begegnungen, Fragen an das Publikum und künstlerischen Experimenten entstehen tägliche Einblicke aus der Innenperspektive einer Artistin. Das Tagebuch verbindet Beobachtung, Reflexion und Atmosphäre – nah am Prozess, nah an den Menschen und nah an der Frage, wie Nähe im zeitgenössischen Zirkus entstehen kann. Das „Come Closer Lab“ untersucht gemeinsam mit Künstler:innen aus Katalonien und Köln/NRW neue Formen der Begegnung zwischen Publikum und Performance.

"Was passiert eigentlich, wenn Publikum nicht mehr nur zuschaut, sondern beginnt, Entscheidungen innerhalb einer Performance zu treffen?" (Foto: Swantje Kawecki)

Tag 3

Wer entscheidet hier eigentlich? – Publikumsteilhabe als Rollenwechsel

„Sag mir, was ich machen soll.“

Ein Satz, der erstmal nach Kontrolle klingt. Und das ist es ja auch.

Im Come Closer Lab wird daraus eine performative Situation, als über eine music board Anweisungen an den Küsntler auf der Bühne gegeben werden können.

Am dritten Tag des Labs beschäftigen sich viele Gespräche genau mit diesen Fragen. Mit Beziehung. Mit Vertrauen. Mit Entscheidungsmacht und Entscheidungsprozessen. Und damit, wie sich eine Performance verändert, sobald Publikum aktiv eingebunden wird.
Wer entscheidet? Wer führt aus? Und was passiert eigentlich, wenn Publikum nicht mehr nur zuschaut, sondern beginnt, Entscheidungen innerhalb einer Performance zu treffen?

Denn je stärker Zuschauer:innen beteiligt sind, desto mehr Einfluss haben sie auch auf das Geschehen. Das kann bereits bei kleinen Entscheidungen anfangen. Zum Beispiel bei der Wahl der Musik. Klingt erstmal simpel, verändert aber sofort die Atmosphäre im Raum. Musik beeinflusst Emotionen, Dynamiken und die Art, wie Situationen wahrgenommen werden. Eine einzige Entscheidung kann dadurch eine gesamte Szene verändern.

Andere Arbeiten gehen noch weiter. Zuschauer:innen geben Aufgaben vor oder bestimmen Bewegungen und Abläufe. In der Situation mit dem Music Board konnte das Publikum verschiedene Tasten, Knöpfe und Drehregler bedienen. Manche veränderten die Beats und damit die Atmosphäre im Raum, andere lösten eingesprochene Anweisungen aus, die über Lautsprecher an den Künstler weitergegeben wurden und dann auch ausgeführt: „Spin. Say Thank you. Leave the satge. Come Back. Jump. Etc.“
Das Publikum wusste dabei vorher nicht, welche Funktion sich hinter welchem Knopf verbarg. Irgendwo zwischen Improtheater und choreografischer Struktur entstehen so Situationen, in denen Publikum aktiv am Verlauf einer Performance beteiligt ist.

Gleichzeitig bleibt die performende Person verantwortlich dafür, daraus etwas entstehen zu lassen: eine Situation, eine Dramaturgie, eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Das Publikum entscheidet vielleicht über einzelne Elemente – die Musik, Objekte auf der Bühne oder die Dauer einer Szene – doch die Künstler:innen reagieren darauf, setzen die Entscheidungen in Beziehung und gestalten daraus die Performance.

Damit entstehen auch Risiken. Teilweise ganz konkret körperlich, etwa wenn Zuschauer:innen dazu aufgefordert werden, ein Seil zu halten oder eine Künstler:in aufzufangen. Aber auch inhaltlich. Denn sobald Entscheidungen an Publikum abgegeben werden, verändert sich das Kräfteverhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum. Kontrolle wird geteilt. Beziehungen werden neu verhandelt.

Im Lab taucht deshalb immer wieder dieselbe Frage auf: Ist Partizipation vielleicht auch ein Rollenwechsel?

Denn sobald Publikum beginnt, Entscheidungen zu treffen, bewegt es sich ein Stück weit in Richtung künstlerischer Arbeit. Atmosphären beeinflussen. Beziehungen gestalten. Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf den Verlauf einer Performance haben. Vieles davon gehört zu dem, was Künstler:innen in den darstellenden Künsten über Jahre lernen.

Vielleicht geht es bei manchen Formen von Partizipation also auch darum, Einblicke in diese Prozesse zu geben. In Trainings. In Kreationsprozesse. In die Arbeitsweisen und Methoden, die hinter einer Aufführung stehen. Denn immer wieder geht es dabei auch darum, Perspektiven zu wechseln. In die Rollen der Menschen auf der Bühne zu treten. Nachzuvollziehen, was Entscheidungen auslösen.

Dabei kommt mir immer wieder die Frage, wo die Motivation für diese Form von Stücken liegt. Geht es um die erfahrung des Publikums? Darum, als Küsntler:innen verstanden zu werden? Das Besondere an Zirkus mit Menschen zu teilen, die das sonst nicht erleben? Also um Zugänglichkeit?

Swantie Kawecki