Zed Zanzu - Einen Abend in Beziehung gehen
Gastspielreihe Play in Berlin
Zed Zanzu - Einen Abend in Beziehung gehen
Zed Zanzu lädt in EZ dazu ein, Vorstellungen von Grenzen, Verantwortung und Beziehung neu miteinander auszuloten.
„For me, the safest space is in the air, alone. The higher the safer. Away from everyone, in control. Am I doing a monologue? What if I get down to start a dialogue?“
Von unseren Plätzen aus schauen wir auf Zed Zanzu, wie dey in der Mitte der Bühne auf dem Boden kniet und sich ein dünnes Seil zu einem Harnisch um den Kopf bindet. Seilenden werden dabei gezielt untereinander durchgezogen, um das Gesicht oder unter dem Kinn entlang gelegt, während uns dabei die Fragen und Gedanken mit einer KI-generierten Stimme aus dem Off an die Hand nehmen.
Mit einem am Harnisch befestigten Flaschenzug zieht sich Zed nach oben. Die Seile drücken sich dabei tief in deren Gesicht.
Es ist Freitagabend, Berlin liegt unter einer frischen Schicht weißer Flocken. Auf rutschigen Straßen bahnen sich Besucher:innen des Chamäleons ihren Weg zu den Hackeschen Höfen, einer der Zirkusspielstätten der Hauptstadt.
Seit 2004 ist das Chamäleon Bühne für nationale und internationale Zirkusschaffende und Anlaufpunkt für ein breites Publikum, um die künstlerische Vielfalt von zeitgenössischem Zirkus zu erleben. In der Regel gastieren die Performances über mehrere Monate an der Berliner Zirkusbühne und entwickeln ihre Stücke in Form von Residenzen und Koproduktionen vor Ort.
Das Besondere am derzeit kuratierten Programm „Play with us“, zu dem auch die Performance „EZ“ von Zed Zanzu zählt, ist die Präsentation von neun verschiedenen Stücken innerhalb von vier Wochen. Die Auswahl der künstlerischen Arbeiten vereint die Bandbreite des jungen Genres und hinterfragt öffentliche Erwartungen an eine Varietébühne.
Zed (dey/er; they/he), dey kürzlich deren Namen geändert hat, lebt in Barcelona und arbeitet seit vielen Jahren als Autor:in, Performer:in, Researcher:in und Kurator:in. Deren praktische und theoretische Interessen bewegen sich an der Schnittstelle von Gender, Ethik und Methoden der künstlerischen Recherche.
In der Performance EZ, hinterfragt Zed Machtverhältnisse und den unausgesprochenen Pakt zwischen Künstler:in und Publikum. Mit deren künstlerischen Arbeit „EZ“ bildet Zed Zanzu den Auftakt der diesjährigen kulturpolitischen Kooperation zwischen Katalonien und Deutschland.
Das Förder- und Entwicklungsprogramm „Circus Promotion Plan“ der katalanischen Regierung (Generalitat de Catalunya) strebt in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband APCC (Associació de Professionals de Circ de Catalunya) den nachhaltigen Ausbau des kulturellen Sektors im Bereich des Zirkus an. Dazu gehören unter anderem Förderprogramme für Nachwuchskünstler:innen, Residenz- und Koproduktionsformate, der Ausbau lokaler und internationaler Zirkusnetzwerke, die digitale Archivierung des Zirkuserbes und vieles mehr. Über das Jahr 2026 verteilt, werden in regelmäßigen Abständen künstlerische und strukturelle Austauschformate stattfinden.
Doch jetzt wieder zurück nach Berlin.
Wie ein Mobile hängt im Halbschatten der Bühne ein scheinbar schwebendes Metallrohr. Links steht ein mit Wasser gefüllter, durchsichtiger Eimer, der von einem einzelnen, diagonalen Lichtstrahl in Szene gesetzt wird und sich an der Wasseroberfläche bricht. Die elektronische Klangkulisse erweckt den Eindruck selbst unter Wasser zu sein.
Zed betritt die Bühne und befestigt erst den Eimer, dann deren Hüftgurt mit einem Klicken der Karabiner an der verbundenen Seilaufhängung. Es ist die erste Begegnung zwischen Objekt und Performer:in. Langsam sinkt deren Gewicht in den Gurt. Mit den Füßen an der Wand des Eimers läuft dey an ihm entlang, deren schräg in der Luft liegender Körper wird getragen von Seilen und dem Gegengewicht des Wassers.
Einen Moment später sind beide in der Luft und Zed taucht den Kopf hinein. Uns erreichen in das Wasser gesprochene Worte als blubbernde Laute.
Über den Abend hinweg entwickelt sich ein immer stärker werdender Sog hinein in das Stück, besonders in dem Moment, als eine Person aus dem Publikum Teil des Bühnengeschehens wird.
„Now I will need help from one person to continue,“ spricht wieder die Stimme aus dem Off. „The person who accepts my invitation, will take care of me, but in the same time directly or indirectly will cause me pain. They will accompany me. They can, at any time request to stop the scene. Does anyone volunteer?“
Zed lädt die Freiwillige mit freundlichen Gesten und gemäß einer Art Konsent-Protokoll ein, sich einen Körpergurt anzuziehen. Regelmäßig fragt die KI-Stimme nach dem Befinden und versichert sich erneut der Zustimmung: „Will you develop the scene? Do you want to participate? Do you remember the safe signal, do you trust? Can we step apart? Are you okay?“
Wir werden Zeug:innen wie sich innerhalb kurzer Zeit eine intensive Beziehung entwickelt. Vertrauen, Verletzlichkeit und Raum für ein ehrliches „Nein“, als Voraussetzung für ein ehrliches „Ja“.
Die Beiden sind mittlerweile über ein Seil miteinander verbunden, Zed am Harnisch um deren Gesicht, die Freiwillige an ihrem Gurt, zwischen ihnen der Hängepunkt an der Decke. Keiner der Anwesenden weiß, was als Nächstes passiert.
Langsam beginnen die beiden Personen auf der Bühne, ihr Gewicht in die Seile abzugeben und umeinander zu schwingen. Dann zieht Zed die Freiwillige in ihrem Gurt und mit deren Einverständnis bis unter die Decke. „Did you feel lonely“.
Ruckartige Bewegungen können Zed in diesem intimen Austausch von Vertrauen und Aushandlung in Gefahr bringen, gleichzeitig ist ein gewisser Grad körperlichen Schmerzes integraler Bestandteil von Zeds Rolle und Teil dieser Begegnung.
In diesem Moment, würde ich gerne wissen, was in den Gedanken der anderen Zuschauenden vor sich geht. Würden sie der Bitte nachkommen, wenn sie jemand danach fragt?
Jede Begegnung ist anders, verrät mir Zed bei unserem Treffen am darauffolgenden Tag:
“It’s very exciting to meet the person and see how they will act, what initiative they will take, and how this relationship with me will develop. Because we build it together, it’s not scripted, and different every time. In this sense, it creates a state of trance being the, what I call the duo, is more a trance-connection.”
Zwischen (Stamm-)Gästen des Chamäleons, queerer Community und Künstler:innen, lud Zed Zanzu das Publikum – manche würden sagen auf provokative Art und Weise – dazu ein, unsere Vorstellungen von Grenzen, Verantwortung und Beziehung in Frage zu stellen.
Wo liegen unsere Grenzen und wie weit sind wir bereit sie zu verschieben? Wie gehen wir in Beziehung und was braucht es, um sich einander zu vertrauen und zu unterstützen? Was bedeutet kollektive Fürsorge für uns heute?
Kooperationen wie die zwischen Barcelona und Deutschland implementieren Unterstützung und Vernetzung auf internationaler Ebene. Während Deutschland öffentliche Gelder in Kriegsführung investiert, finanziert Katalonien deutsche und katalanische Künstler:innen der freien Zirkusszene.
Swantje Kawecki