Zirkus ON work - Ohne Geld in die Professionalisierung?
ATOLL Festival 2026
Zirkus ON work - Ohne Geld in die Professionalisierung?
Bei den Work in Progress Showings auf Atoll Festival zeigen die Stipendiat*innen von Zirkus ON den Arbeitsstand ihrer Projekte. Es sind Stücke übers Verweilen, schwebende Kresse und eine Bank. Über einen Tag im Zeichen der Professionalisierung des Nachwuchszirkus.
Festivalmittwoch auf dem Atoll Festival, die drei Projekte von Zirkus ON präsentieren ihren Arbeitsstand. Das Kreationsbündnis für zeitgenössische Zirkuskunst Zirkus ON vergibt jährlich drei Stipendien an Nachwuchsprojekte aus Deutschland und begleitet diese zwei Jahre lang durch die verschiedenen Stadien im Kreationsprozess.
Für den Zeitraum 2026-2027 sind das „Spielraumerweiterung“ der 101 Concrete Kompanie, „Bareroots“ von Nastasja Jagodić und Lena Kautz und „Still Dwelling“ von Johanna Gorzellik.
Nach der Auftaktpräsentation und Netzwerkveranstaltung „Zirkus ONboard“, die im Frühsommer im Pfefferbergtheater in Berlin stattfand, folgt unter dem Slogan „Zirkus ONwork“ die nächste Arbeitsphase. Diese findet traditionsgemäß im Spätsommer ihren Höhepunkt in den Work in Progress Showings auf dem Atoll Festival in Karlsruhe. Neben Spielstätten und Residenzorten ist das Atoll eine von rund 17 weiteren Bündnispartner*innen von Zirkus ON und eine wichtige Schnittstelle mit der Öffentlichkeit. Denn das Publikum darf mitreden.
Anschließend an die Aufführungen leitet Andree Wenzel, künstlerischer Entwickler bei Zirkus On, Feedbackgespräche zwischen Künstler*innen und Publikum an. Die Rückmeldungen orientieren sich an vorab festgelegten Fragen.
An welcher Stelle wusstest du nicht, wo du hinschauen sollst?
"Camille Larroque und Stevie Koglin nehmen ihren Titel wörtlich. Für ihre Performance brauchen sie eigentlich nur eines: eine Bank."
Lukas Arndt für ZirkusPlus
Das Projekt „Spielraumerweiterung“ der 101 Concrete Kompanie macht den Anfang. Camille Larroque und Stevie Koglin nehmen ihren Titel wörtlich. Für ihre Performance brauchen sie eigentlich nur eines: eine Bank. Überall, wo sie die Bank aufstellen können, können sie auch spielen. Keine Musik, keine Lichttechnik wird benötigt und so findet das Showing an diesem späten Nachmittag in den leeren Hallen des alten Schlachthofs statt.
Einer Bank im öffentlichen Raum; angesichts dieses Settings könnte man jetzt über die Kulturgeschichte des Sitzens nachdenken, oder über die politische Dimension von Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum. Was „Spielraumerweiterung“ fesselnd macht, ist jedoch kein theoretischer Bezugsrahmen, sondern die Vielfalt in der Bewegungsrecherche und die von Behutsamkeit gekennzeichnete Verbindung der beiden Performer*innen.
Die Choreographie bewegt sich irgendwo zwischen Tanz, Parkour und Partner*innen Akrobatik und ist im direkten Kontakt der beiden Performer*innen immer wieder derart komplex, dass man zwar meist weiß, wohin man schauen soll, nicht aber, welches Körperteil zu wem gehört.
Auf der Bank im Sitzen, im Liegen, im Stehen bewegen die beiden sich mit- und umeinander und lächeln viel. Auch in waghalsigeren Momenten, muss man keine Sorge haben, dass irgendwer stürzt, denn Larroques und Koglins Körpersprache kommuniziert zweifelsfrei: sie passen aufeinander auf.
Welche Momente haben dich in die Welt des Stücks hineingezogen?
Weiter geht es am frühen Abend mit den Jongleurinnen Nastasja Jagodić und Lena Kautz und ihrem Stück „Bareroots“. Eine 2mal2 Meter Bühne, viel Kresse und ein stechender Geruch sind das Erste, was man wahrnimmt, wenn man das Zelt betritt. Das kräftige Grün scheint vor dem schwarzen Hintergrund des Bühnenbodens und der Vorhänge beinahe eigenständig im Raum zu schweben. Das Grün der Kresse zieht den Blick an, ein fast hypnotischer Farbakzent, dessen Sogwirkung einen in die Welt des Stückes hineinzieht.
"Wie Zusammenarbeiten, wenn die Ressourcen schwinden? "
Lukas Arndt für ZirkusPlus
„Bareroots“ vermag nicht nur visuell zu überzeugen. Es ist ein Stück, dessen artistisches Niveau das Publikum immer wieder zu spontanem Szenenapplaus veranlasst. Wenn die beiden Performerinnen auf engstem Raum mit Händen und Füßen zu schneller, percussionbasierter Musik die Bälle hin und herwerfen ist das erstens technisch beeindruckend, zweitens wird damit etwas erzählt. Es geht um Raumnutzung und um Kooperation. Wie Zusammenarbeiten, wenn die Ressourcen schwinden?
Während immer mehr Kresse ausgelegt wird und die freien Flächen der Bühne kleiner werden, arbeiten Jagodić und Kautz auf reduzierter Fläche und in enger Umarmung zusammen. Wie schon „Spielraumerweiterung“ lebt auch „Bareroots“ von der achtsamen und zärtlichen Beziehung der Performerinnen.
Noch immer ist Jonglage in der öffentlichen Repräsentation, vor allem auf Festivals, ein männlich dominierte Zirkusdisziplin. Dass hier zwei Jongleurinnen zu sehen sind, die herausragende Technik und empathische Bühnenfiguren zu vereinen wissen, stößt einen umso mehr auf diese ungerechte und ungerechtfertigte Dysbalance.
Wovon hättest du gerne mehr gesehen?
Letzter Programmpunkt des Tages: Johanna Gorzellik und ihr Stück „Still Dwelling“.
Nicht nur weil Gorzellik alleine ist, unterscheidet sich die Ästhetik von den ersten beiden Stücken. Das Publikum wird mit Langsamkeit konfrontiert und schon der Titel, der etwas wie „immer noch verweilend“ bedeutet, weist auf die physische und mentale Komponente des Aushaltens hin.
"Darin liegt eine Verletzlichkeit und eine Zurückgenommenheit, die etwas Überwältigendes hat."
Lukas Arndt für ZirkusPlus
Gorzellik ist Handstandakrobatin und ihre Arbeit eine Performance, mit Installationscharakter. Handstandstäbe, sogenannte „Canes“ strukturieren die Bühne. Als einfache Linien vermessen sie den Raum, viele ohne die für Handstände benötigte Platte obenauf. Manche liegen flach auf dem Boden, einer hängt von der Decke. Neben der Langsamkeit Gorzelliks Bewegungen sind es die Canes, die das Stück bisweilen wie eine Ausstellung wirken lassen.
Silberne Stäbe, um die das weißblaue Licht und die repetitive elektronische Musik eine atemlose Konzentration erzeugt. Gorzelliks Handstandakrobatik ist dabei so präzise, so eindrucksvoll, dass der Körper Teil der Szenerie wird, mitunter seine Körperlichkeit verliert, hinter die Canes zurücktritt und wie bei einem Vexierbild ins Liniennetz des Raumes aufgenommen wird. Umgekehrt treten die Canes als Körper hervor, es entsteht eine Gleichheit, Körper und Kulisse, Kulisse und Körper. Darin liegt eine Verletzlichkeit und eine Zurückgenommenheit, die etwas Überwältigendes hat.
Was bleibt?
Um 22:00 ist Schluss, Auftritte geschafft. Feedback bekommen, Feierabend, Gespräche der Stipendiat*innen am Lagerfeuer. Nach getaner Arbeit geht es um die finanziellen Aspekte, um kulturpolitische Entscheidungen und Kürzungen, von denen auch Zirkus ON betroffen ist. Denn anders als in den vergangenen Jahren gibt es 2026/27 kein Produktionsbudget.
"Was heißt das nun für Nachwuchsartist*innen in Deutschland? Zirkus OFF?."
Lukas Arndt für ZirkusPlus
Mehrfach wurde an diesem Tag betont, dass es darum geht, „die Kreationsbedingungen für Zirkuskünstler*innen in Deutschland zu professionalisieren.“ Es sind sich alle einig, dass Professionalisierung ohne Geld schwierig wird und dass das Stipendium somit prekäre Arbeitsbedingungen schafft, bei denen die Künstler*innen sich selbst nicht bezahlen können, oder sogar dazuzahlen müssen. Die Konsequenz ist der Ausschluss all jener, die sich das nicht leisten können.
Was heißt das nun für Nachwuchsartist*innen in Deutschland? Zirkus OFF? Nein. Denn gleichzeitig, und auch da sind sich alle einig, ist die Mitwirkung und das Engagement aller Bündnispartner*innen die große Stärke und Qualität von Zirkus ON. Die Möglichkeiten von Residenzaufenthalten und Mentorings, der Kontakt zum Publikum und die Vernetzung mit Spielstätten sind unverzichtbare Anknüpfungspunkte an die professionelle Szene. Allein das Renommee von Zirkus ON, auch über den deutschsprachigen Raum hinaus, führt zu einem spürbaren Zuwachs an Sichtbarkeit.
Zudem sei wichtig darauf hinzuweisen, dass auch das Team von Zirkus ON größtenteils ehrenamtlich arbeitet. Die Arbeit des Teams stellt somit genauso ein Kraftakt dar, denn auch dort fehlen für faire Bezahlung die Ressourcen. Und so lässt sich wohl ohne jeden Pathos feststellen, dass alle ihr Bestes geben.
Was nach dem langen Auftrittstag bleibt, sind positives Feedback, konstruktive Anregungen und der Rückhalt eines starken Netzwerks. Es ist ein Tag, der trotz allem Mut macht und es sind Stücke, von denen man gern mehr gesehen hätte. Zirkus ON sei Dank kann man sich auf mehr freuen.
Passenderweise heißt die letzte Phase des Kreationsprozesses „Zirkus ONshow“.
Passenderweise lautet das diesjährige Motto des Atoll Festivals „Cirque Ahead“.
So schnell geht hier wohl nichts „OFF“.
Lukas Arndt für ZirkusPlus
Titelbild: 101concrete Kompagnie | Webseite Zirkus ON | Jonas Seidler
Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans (2023 – 2026) vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und vom Institut Ramon Llull (IRL) sowie dem Katalanischen Institut für Kulturunternehmen (Institut Català de les Empreses Culturals, ICEC) des katalanischen Kulturministeriums unterstützt. Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).