Zwischen Straße, Forschung und Internationalisierung: Zirkus in Katalonien

im Gespräch mit Juliette Beaume

Zwischen Straße, Forschung und Internationalisierung: Zirkus in Katalonien

Katalonien gilt heute als eine der lebendigsten Regionen für zeitgenössischen Zirkus in Europa. In den vergangenen zwanzig Jahren ist dort ein dichtes Netzwerk aus Festivals, Trainingsorten, Produktionszentren und Interessenvertretungen entstanden. Im Gespräch spricht Juliette Beaume – Kulturmanagerin und langjährige Mitarbeiterin der APCC, der Vereinigung professioneller Zirkusschaffender Kataloniens – über die Entwicklung dieser Szene, den politischen Hintergrund des katalanischen Straßenzirkus und darüber, warum internationale Zusammenarbeit für den zeitgenössischen Zirkus zentral bleibt.

Zwischen Straße, Forschung und Internationalisierung: Zirkus in Katalonien, Juliette Beaume
Foto: Juliette Beaume

ZirkusPlus: Juliette, du kommst ursprünglich aus dem Theater. Wie bist du selbst zum Zirkus gekommen?

Juliette: Ich bin Französin, lebe seit 2000 in Barcelona, also bin ich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert in Katalonien. Ursprünglich komme ich aus dem Theater: Ich habe in Paris Theater studiert und hatte auch eine Theatercompagnie. Als ich nach Katalonien kam, konnte ich zunächst kein Katalanisch, und das Leben hat mich dann mit dem Zirkus verbunden. Nach und nach bin ich im Zirkus hängengeblieben. Ich liebe das Theater immer noch, arbeite aber inzwischen seit über zwanzig Jahren im Zirkusbereich. Meine Rolle war dabei immer die einer Kultur- und Projektmanagerin, um den zeitgenössischen Zirkus zu fördern und ihn auf dieselbe Ebene wie andere darstellende Künste zu bringen.

 

ZirkusPlus: Denkst du Projekte grundsätzlich in größeren Zusammenhängen?

Juliette: Ja, absolut. Ich denke, alles hängt zusammen. Wenn man ein Projekt macht, geht es nie nur um das Projekt selbst, sondern immer auch um seine Folgen und darum, was es darüber hinaus bewirken kann. Ich habe immer im Kopf, dass der Zirkus den Platz bekommen sollte, den er verdient. Deshalb arbeiten wir hart und versuchen, gute Projekte zu machen.

Für mich ist Zirkus ein Raum der Freiheit – vor allem in Bezug auf Kreation. Es gibt so viele Möglichkeiten, Zirkus zu machen und Stücke zu gestalten. Und es ist auch ein Raum, in dem Menschen Dinge tun, die ich selbst nicht kann. Das erstaunt mich immer wieder. Für mich hat Zirkus mit Poesie und Überraschung zu tun. Natürlich verbindet mich nicht jede Show, aber Zirkus als Kunstform ist ein weites Feld, und er überrascht mich bis heute.

 

ZirkusPlus: Du arbeitest heute für die APCC. Welche Rolle spielt die Organisation für die katalanische Zirkusszene?

Juliette: Die APCC ist die Associació de Professionals de Circ de Catalunya. Sie wurde 2004 gegründet und versammelt nicht nur Künstler:innen, sondern alle professionell im Zirkusbereich Tätigen. Sie ist eine Art Lobbyorganisation für den Zirkus, setzt sich für spezifische kulturpolitische Maßnahmen ein, verbessert Arbeitsbedingungen, sichert Zugang zu Fortbildung und bringt den Sektor als starke Einheit zusammen. Mit inzwischen 425 Mitgliedern ist sie für katalanische Verhältnisse ziemlich groß.

Diese Rolle zeigt sich beispielsweise in der kulturpolitischen Arbeit: Die APCC ist die zentrale Sprecherorganisation gegenüber der Verwaltung. In Barcelona gibt es keinen festen Ort, an dem Zirkus dauerhaft gezeigt werden kann. Deshalb arbeitet eine APCC-Arbeitsgruppe an der Idee eines Aufführungsortes. Ein weiteres großes Thema ist die Hochschulbildung im Zirkus. Es gibt professionelle Ausbildungsangebote, aber noch keine Hochschulausbildung auf Universitätsniveau.

"Zirkus ist in seinem Kern international."

ZirkusPlus: Wie würdest du den zeitgenössischen Zirkus in Katalonien charakterisieren?

Juliette: Das ist in einem Satz schwer zu sagen. Der zeitgenössische Zirkus hat sich in Katalonien vor allem in den 1990er-Jahren und um 2000 herum entwickelt. Er spielte sich vor allem auf der Straße und auf Plätzen ab – und eroberte sich den öffentlichen Raums nach einer langen Diktatur zurück. In diesem Sinn war er Teil einer größeren gesellschaftlichen Bewegung.

Dieser Straßenzirkus war eng mit Humor verbunden. Diese frische, lustige, mediterrane Energie ist bis heute etwas, das viele mit katalanischem Zirkus assoziieren – gerade auch in Deutschland. Seit etwa 15 Jahren gibt es daneben durch die Entstehung von Kreationszentren auch eine stärkere indoor- und forschungsorientierte Richtung. Diese beiden Formen existieren heute nebeneinander. Aber nein, das sind keine zwei klar getrennten Welten. Es gibt keine klare Grenze dazwischen. Ich denke zum Beispiel an Los Galindos, die sehr stark aus dem Straßenkontext kommen, ihre Sprache aber enorm weiterentwickelt haben. Ein gutes Beispiel ist ihre Show MDR – Mort de Riure: für den öffentlichen Raum gemacht, stark geschrieben und klar im Feld des zeitgenössischen Zirkus verankert – und doch von der Energie der Straße geprägt.

 

ZirkusPlus: Welche Orte und Festivals prägen die katalanische Zirkusszene derzeit besonders?

Juliette: Es gibt unterschiedliche Kategorien. Zunächst die strategischen Festivals, die auch von der Kulturverwaltung so benannt werden und wichtige Treffpunkte für Fachleute sind: allen voran Trapezi und FiraTàrrega. Für stärker zeitgenössische Arbeiten ist seit etwa zehn Jahren das Theater Mercat de les Flors in Barcelona wichtig, das alle zwei Jahre ein Zirkusfestival organisiert. Daneben gibt es viele kleinere Festivals im ganzen Land – ich würde sagen, mehr als zehn, die sich speziell auf Zirkus konzentrieren.

 

ZirkusPlus: Viele Künstler:innen sprechen mit großer Verbundenheit über die katalanische Szene. Woher kommt das?

Juliette: Mit dem Wort „Stolz“ würde ich persönlich vorsichtig umgehen. Aber ich verstehe, was gemeint ist. Es hat viel Arbeit gekostet, einen Sektor aufzubauen, der auf mehrere Bedürfnisse von Künstler:innen antwortet. In einer sehr kleinen Region gibt es heute Trainingsorte, Möglichkeiten zur Kreation, Festivals zum Auftreten und Plattformen für den internationalen Sprung. Vielleicht ist da tatsächlich ein Gefühl von: Wir haben es geschafft, ein Ökosystem aufzubauen. Natürlich ist längst nicht alles erledigt, und es gibt noch viel zu tun. Aber wenn man zwanzig Jahre zurückblickt, ist enorm viel passiert.

 

ZirkusPlus: Welche Probleme sind trotz dieser Entwicklung bis heute ungelöst?

Juliette: Eine zentrale Frage ist ein fester Aufführungsort für das Publikum – ein Haus, in das man geht, um Zirkus zu sehen, so wie man ins Theater oder in ein Tanzhaus geht. So etwas fehlt uns.

Ein zweites großes Thema ist die Hochschulbildung. Denn es macht einen Unterschied, ob man ein Diplom hat, das einem später andere Perspektiven eröffnet, wenn man nicht mehr auftreten kann.

 

ZirkusPlus: Gleichzeitig wirkt die gesellschaftliche Anerkennung des Zirkus heute deutlich größer als früher.

Juliette: Ja, Zirkus ist als Kunstform anerkannt. In Katalonien gab es Anfang der 2000er-Jahre eine offizielle Anerkennung des Zirkus als Kunstform. Das war sehr wichtig, weil dadurch spezifische Förderungen möglich wurden. Auf spanischer Ebene gab es außerdem eine wichtige Erklärung zur künstlerischen Bildung, in die auch der Zirkus eingeschlossen wurde. Das hat dem Sektor enorm geholfen. Trotzdem bleiben die Herausforderungen dieselben: Arbeitsbedingungen, Professionalisierung und die Schwierigkeit, als Künstler:in dauerhaft zu bestehen, sowie die Notwendigkeit, mehr Bewusstsein für den Zirkus zu schaffen und die Vorstellungen der Menschen davon zu verändern, was Zirkus sein kann.

"Es geht um Austausch, langfristige Beziehungen und darum, voneinander zu lernen."

ZirkusPlus: Gemeinsam mit der Kulturverwaltung habt ihr inzwischen einen zweiten Förderplan für den Zirkussektor entwickelt. Was steckt dahinter

Juliette: Nach dem ersten Förderplan während der Pandemie haben wir gemeinsam mit der Szene analysiert, was noch fehlt. Daraus entstanden neue Maßnahmen — etwa zu Bildung, Residenzen, Community-Zirkus oder langfristigen Arbeitsstrukturen. Wichtig an diesen Förderplänen ist, dass sie nicht nur einzelne Projekte unterstützen, sondern Entwicklungen anstoßen, die langfristig in die Kulturpolitik integriert werden können.

ZirkusPlus: Ein Teil dieses Plans ist das internationale Projekt Meridian(s). Warum war euch diese internationale Zusammenarbeit so wichtig

Juliette: Weil Internationalisierung für uns nie nur bedeutet, Produktionen ins Ausland zu verkaufen. Es geht um Austausch, langfristige Beziehungen und darum, voneinander zu lernen.

Mit Frankreich gab es durch die geografische Nähe bereits viele Verbindungen. Spannend war für uns deshalb besonders der Austausch mit Portugal letztes Jahr und mit Deutschland in diesem Jahr, wo sich gerade sehr dynamische Szenen entwickeln. Kontakte aus früheren Projekten — etwa mit dem ATOLL Festival oder dem Berlin Circus Festival — haben dabei geholfen. Sehr wichtig war außerdem Ute Classen, die seit vielen Jahren mit katalanischen Compagnien arbeitet und beide Szenen sehr gut kennt. Solche persönlichen Verbindungen sind oft entscheidend.

ZirkusPlus: Wie blickst du heute auf die deutsche Zirkusszene?

Juliette: Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland einen starken Willen gibt, den zeitgenössischen Zirkus weiterzuentwickeln. Es entstehen neue Kreationsorte, Festivals und Netzwerke.

Ob es eine spezifisch deutsche Zirkusästhetik gibt, weiß ich nicht. Zirkus ist dafür wahrscheinlich zu international. Viele Künstler:innen werden in einem Land ausgebildet, arbeiten im nächsten und entwickeln ihre Projekte später anderswo weiter. Aber man spürt deutlich, dass derzeit in Deutschland eine sehr lebendige Szene entsteht, und ich wünsche mir, dass sie zunehmend sichtbarer und bekannter wird.

ZirkusPlus: Und was soll Meridian(s) langfristig bewirken?

Juliette: Ich denke, Meridian(s) soll ein erster Treffpunkt sein – ein Ort, an dem Menschen und Organisationen miteinander in Verbindung kommen. Beides ist wichtig: die Verbindung zwischen Künstler:innen und Programmverantwortlichen und die Verbindung zwischen Organisationen.

Wenn Programmverantwortliche und Compagnien direkt miteinander in Kontakt sind, können Entwicklungen besser verfolgt und Projekte manchmal schon unterstützt werden, bevor sie fertig sind. Wenn Organisationen zusammenarbeiten, entstehen daraus langfristige Kooperationen, die nicht nur einer einzelnen Compagnie zugutekommen. Der Traum ist also, dass Meridian(s) nicht nur ein Ereignis bleibt, sondern ein Anfang ist.

ZirkusPlus: Wenn du zehn Jahre vorausblickst — was wünschst du dir für den katalanischen Zirkus

Juliette: Ich hoffe sehr, dass die internationale Dimension stark bleibt. Nicht nur, um Aufführungen zu verkaufen, sondern um sich zu verbinden, zu denken und Perspektiven miteinander zu konfrontieren sowohl aus künstlerischer als auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. Das ist heute wichtiger denn je. Zirkus ist in seinem Kern international. Viele Künstler:innen definieren sich fast eher über den Zirkus als über ihre nationale Zugehörigkeit.

 
ZirkusPlus Redaktion
 

Dieser Beitrag entsteht in Kooperation mit dem internationalen Projekt MERIDIAN(s).

MERIDIAN(s) ist ein Austauschprogramm, das Begegnungen und Zusammenarbeit zwischen Zirkuskünstler:innen, Festivals, Spielorten und Kulturschaffenden aus Katalonien und Deutschland fördert. Das Programm wird vom katalanischen Verband der Zirkussschaffenden APCC koordiniert und ist Teil des Internationalisierungsprogramms im Rahmen des Katalanischen Zirkusförderplans 2023–2026. Weiter Informationen zum Projekt gibt es hier. ZirkusPlus ist Kooperationspartner von MERIDIAN(s).